Mittwoch, 18. April 2018

Sie lieben und sie zoffen sich. "Lady Bird" - ein berührender Mutter-Tochter-Film

von Tina Stadlmayer

Christine alias Lady Bird und ihre Mutter haben sich gerade nicht viel zu sagen.    / Foto: Universal Pictures

Die ältere Dame neben uns im Kino weint leise. Offenbar hat der Film "Lady Bird" bei ihr einen Nerv getroffen. Meine Tochter (20) und ich fanden ihn auch ganz wunderbar. Saoirse Ronan spielt die Teenagerin Christine, die darauf besteht, dass sie von allen Lady Bird genannt wird. Mit ihrer Mutter (gespielt von Laurie Metcalf), die als Krankenschwester arbeitet, gerät sie sich regelmäßig in die Haare. Der Film urteilt nicht, sondern beschreibt nachvollziehbar, wie genervt die Tochter von ihrer Mutter ist, die eigentlich immer nur das Beste für sie will. Das haben wir so oder so ähnlich alle schon erlebt, und genau so wollen wir als Mütter nicht sein und sind es vielleicht doch. Ein Mutter-Tochter-Film also, der sowohl für Mütter als auch für Töchter spannend ist.

Die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarstellerinnen ist herausragend. Eine Schlüsselszene steht gleich am Anfang. Mutter und Tochter lauschen einem Hörbuch und seufzen gemeinsam, als die Geschichte zu Ende ist. Kurz darauf zoffen sie sich wieder. Lady Bird dreht aufgrund der aggressiven Sticheleien ihrer Mutter durch. Das macht diesen Film so interessant: Die Hauptfiguren sind sehr vielschichtig, liebenswürdig und nervig, klug und verbohrt, weltoffen und spießig, rebellisch und angepasst.

Etwas weniger eindrucksvoll als die facettenreiche Mutter-Tochter-Beziehung ist die Beschreibung des Erwachsenwerdens der Hauptfigur. Der Film spielt ungefähr vor 18 Jahren. Die Kleinstadt Sacramento und ihre katholische Schule langweilen Lady Bird und sie träumt vom Leben an der angeblich so coolen Ostküste. Während ihres letzten High-School-Jahres hängt sie mit ihrer besten Freundin Julie ab und verliebt sich (nacheinander) in zwei sehr unterschiedliche junge Männer, den braven Danny und den unangepassten Kyle. Ergreifend ist wie getroffen Lady Bird reagiert, als sie herausbekommt, dass Danny schwul ist. Die Szene, in der sie das erste Mal Sex hat (mit Kyle) ist dagegen traurig und lustig zugleich.

"Lady Bird" ist der Debütfilm der Schauspielerin Greta Gerwig als Regisseurin und Drehbuchautorin. Dem Magazin TimeOut verriet sie: "Er spielt in Sacramento, wo ich selbst aufgewachsen bin, aber er ist nicht autobiographisch. Aber es steckt ein Wahrheitskern darin, der für mich gefühlsmäßig wichtig ist." Der Film war in fünf Kategorien für den Oscar nominiert und hat in keiner einzigen gewonnen. Trotzdem: Gerwig ist mit "Lady Bird" ein sehr berührender Film gelungen.


"The Florida Project" - ein ganz anderer Mutter-Tochter-Film


Seit einigen Wochen läuft übrigens ein weiterer sehr sehenswerter Film aus den USA in Deutschland. "The Florida Project" ist eine ganz andere, sehr viel extremere Mutter-Tochter-Geschichte. Er wurde für den Oscar unverständlicherweise nur für die Nebenrolle von Willem Dafoe als Hausmeister nominiert. In "The Florida Project" beschreibt Regisseur Sean Baker das Leben der sechsjährigen Moonee, die mit ihrer alleinerziehenden  Mutter in einer heruntergekommenen Hotelanlage in der Nähe von Disneyworld lebt. Er begleitet Moonee und ihre Freund_innen, wie sie in der Anlage herumstreifen und die Erwachsenen nerven. Die sieben Jahre alte Hauptdarstellerin Brooklynn Prince würde von mir sofort einen Oscar bekommen.

Der Film "Lady Bird" kommt am 19. April 2018 in die deutschen Kinos.
"The Florida Project" läuft seit dem 15. März. 


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