Donnerstag, 4. Januar 2018

"Die Spur" - illegale Jagd als frauenverachtender Mikrokosmos

Ein Gastbeitrag von Filmlöwin Sophie Rieger

In der Sorge um die Natur nervt Duszejko (Agnieszka Mandat-Grabka) ihre Widersacher / Foto: Filmkinotext

Die alte Duszejko ist unbequem. Nicht nur weil sie mit ihren astrologischen Weissagungen einigen Menschen auf die Nerven geht. Vielmehr stellt sie für die lokale Jagdgemeinschaft einen wandelnden Albtraum dar. Ihre Anzeigen bei der Polizei wegen Wilderei sind schon ärgerlich genug, aber Duszejko schreckt auch nicht davor zurück, höchst selbst und wild keifend in einen ihrer Meinung nach illegalen Jagdausflug einzugreifen. Ernst nehmen tut sie natürlich niemand. Selbst dann nicht, als eine mysteriöse Mordserie der Polizei ein echtes Rätsel aufgibt. An den Tatorten befinden sich Tierspuren und Duszejko ist davon überzeugt, das Wild würde nun seine berechtigte Rache nehmen.


„Die Spur“ ist so etwas wie ein polnischer “skandinavischer Krimi”, mit zum Teil bitterbösem Humor, der die Absurdität des Lebens entlarvt. Gleichzeitig ist „Die Spur“ aber auch ein Märchen und ein realistisches Drama. Irgendwie von allem ein bisschen – und zwar von jedem Element genau die richtige Portion.


Eine "verrückte Alte" bekämpft die Wilderei


Duszejko lebt mit zwei treuen Hunden in einer einsam gelegenen Waldhütte, studiert in ihrer Freizeit aus tiefer Überzeugung Horoskope und gibt an der Grundschule im nächsten Ort Englischunterricht. Bereits ohne das Ausmaß ihrer fast schon pathologischen Leidenschaft für den Umweltschutz ist eines glasklar: Duszejko ist die Sorte Frau, die andere mit „die alte Verrückte“ bezeichnen und die vor 500 Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden wäre.

Die Hauptfigur erobert trotz ihres potentiell nervtötenden Temperaments umgehend die Herzen des Publikums. Hauptdarstellerin Agnieszka Mandat-Grabka verkörpert eine Frau, die zugleich geheimnisvoll, fürsorglich, verschmitzt und hysterisch sein kann.

Wütend über das sinnlose Töten / Foto: R. Palka
Duszejko ist so facettenreich wie der Film, den sie anführt. „Die Spur“ ist ganz und gar ihre Geschichte: Die Zuschauer*innen sind dazu angehalten, ihre Sorge um die Tiere und die Natur ebenso zu teilen wie ihr Entsetzen, ihre Wut und Verzweiflung in Anbetracht der illegalen Jagd.

Dabei geht es Regisseurin Agnieszka Holland und der Autorin des zu Grunde liegenden Romans, Olga Tokarczuk, um weit mehr als nur einen Aufruf zum Tierschutz. Die homogen männliche Jägergemeinschaft dient als Mikrokosmus, der gesamtgesellschaftliche Strukturen offenlegt. Dazu gehört neben hierarchischen Machtstrukturen und Korruption auch Sexismus.

Es ist sicher kein Zufall, dass im örtlichen Puff die Sexarbeiterinnen im Häschenkostüm herumlaufen: Sie unterscheiden sich als Beute kaum von den Vierbeinern im Wald. Frauen wie Tiere existieren nur zum Zeitvertreib der Männer, zur Zierde des Egos: Ein mächtiges Hirschgeweih an der Wand, eine unterdrückte Frau in der Küche. Tatsächlich verhalten sich alle männlichen Filmfiguren, die zur Jägergemeinschaft gehören oder mit ihr sympathisieren, hochgradig misogyn. In dieser Hinsicht droht Agnieszka Holland leider ab und an in uninteressante Stereotypen abzudriften.


Wider die Scheinheiligkeit patriarchaler Traditionen


Ein weiterer Themenkomplex ist die Religion, die mit der biblischen Botschaft „Macht Euch die Erde untertan“ der Tierquälerei wahrlich keinen Riegel vorschieben kann. Aber die Kritik der katholischen Kirche ist größer als die Frage nach angemessenem Umweltschutz. Es geht um das scheinheilige Wahren patriarchaler Traditionen, die eine Kultur der Gewalt aufrechterhalten. Statt den Schüler*innen einen Ausflug in den Wald zu unternehmen, wird Duszejko von der Schulleitung angehalten, doch lieber endlich die netten Klassenfotos aufhängen, auf dem ihre Schützlinge in Jäger*innenmontur Flinten in die Kamera halten. So sieht Agnieszka Holland ihr Heimatland.

Mit der Mischung aus einer liebenswerten, aber undurchsichtigen Heldin, verschrobenen Charakteren, bissigem Humor, wunderschönen Naturaufnahmen und satirischen Seitenhieben ist Agnieszka Holland ein kluger wie auch unterhaltsamer, ein wahrlich bezaubernder Film gelungen.

Dass nicht alle Menschen mit seiner Botschaft umgehen können, zeigten die leisen, aber doch deutlich hörbaren Buhs nach der Pressevorführung auf der Berlinale 2017. Gut vorstellbar, dass „Die Spur“ nicht nur Jägern, sondern auch Maskulisten gehörig gegen den Strich geht. Aber das ist nur ein weiterer Grund diesen Film zu lieben!


Die Filmlöwin hat "Die Spur" auf der Berlinale 2017 gesehen und ihn in ihrem Blog mit diesem Text empfohlen. Am 4. Januar 2018 kommt er in die Kinos.

 
Sophie Rieger Portrait
Sophie Rieger/Foto: Wiebke Detemple

Gastautorin Sophie Rieger


Die Liebe zu Kino und Feminismus vereint sie seit 2014 in ihrem feministischen Online-Filmmagazin FILMLÖWIN.

Die Berliner Journalistin und Bloggerin setzt sich mit Vorträgen, Workshops und in Jurys für einen gendersensiblen Umgang mit Film und Fernsehen ein. Sie schreibt regelmäßig für an.schläge und Missy Magazine. Ihre Filmkritiken sind nun auch ab und zu im Watch-Salon zu lesen.


Mehr zu unserer Gastautorin im Watch-Salon:
Die feministische Filmlöwin - fünf Fragen an Sophie Rieger

Kommentare

  1. Der Film hat mich beschäftigt. Visuell ein Hochgenuss, fand ich die Auflösung des Rätsels und das Ende hochgradig schwierig. Die Buhs am Ende der Presse-Vorführung kann ich daher verstehen. Die Darstellung der männlichen Figuren fand ich nicht so einseitig, denn als Gegengewicht zu der Jägergesellschaft gibt es ja die Freunde der alten Duszejko inklusive dem jungen Mitarbeiter der örtlichen Polizei-Dienststelle. Trotz der Vorbehalte würde ich den Film als "Food for Thought" empfehlen.

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