Dienstag, 21. November 2017

Nicht-Mann und Nicht-Jung – Wie alte Frauen verschwinden

von Inge von Bönninghausen, Gastautorin

Foto: Eva Hehemann


50+, junge Alte oder Best Agers, SeniorInnen, Langlebige, Hochbetagte. Ist das Vielfalt, Verwirrung oder Verdrängung? »Älter werden«, das wohl schönste Buch zum Thema von Silvia Bovenschen, hat eine Antwort: »Eine ältere Frau ist jünger als eine alte Frau. Wie groß muss doch die Angst vor dem Alter sein, dass sie sogar die Grammatik vergewaltigt.«


Sprache und Bilder spiegeln die Fremd- und Selbstwahrnehmung alter Menschen. Menschen? Sind sie nicht Frauen und Männer? Nein, wenn man sich die wissenschaftliche Literatur ansieht oder die unzähligen Programme, Veranstaltungen und Berichte über das Alter(n), über Generationen und demografischen Wandel. Das Geschlecht wird ausgeblendet – und damit auch dessen prägender Einfluss auf das ganze Leben. Dabei haben Männer noch den Vorteil, dass sie sich in alter Tradition mit »Mensch« direkt gemeint fühlen dürfen, wohingegen Frauen sich immer wieder fragen müssen, ob sie mitgemeint sind, und meistens feststellen, dass dem nicht so ist. Auch wenn hin und wieder dem Senior die Seniorin zugefügt wird, bleibt das für die wissenschaftlichen oder journalistischen Ausführungen ohne Wirkung. Mit ganz wenigen Ausnahmen feministischer Autorinnen ist die Altersforschung genauso wie die populäre Beschäftigung mit dem Alter geschlechterblind.

Alter ist – wie Geschlecht – ein Konstrukt aus biologischen, psychologischen, sozialen und kulturellen Komponenten. Hinzu kommt der Kalender. So entscheidet die Anzahl der gelebten Jahre über wichtige Lebenseinschnitte wie die Einschulung, die Volljährigkeit, den Anspruch auf Altersversorgung. Biologische und psychologische Veränderungen beeinflussen sich gegenseitig, besonders brisant in der Pubertät, bei Schwangerschaft und in den Wechseljahren, aber auch bei Krankheit und durch schwere seelische Belastungen. Bildung, Beruf, kulturelle Wurzeln und sozialer Status wirken lebenslang. Dieses ganze Geflecht sieht für Frauen und Männer unterschiedlich aus. Dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede aus dem Altersdiskurs verdrängt werden, führt zum Verschwinden der Frauen und ihrer Lebensrealität. Sie sind die Nicht-Männer und die Nicht-Jungen, der Rede nicht Wert.

Sexismus und Ageismus 


Dazu zwei aktuelle Befunde. Der 271 Seiten starke Sechste Altenbericht der Bundesregierung Altersbilder in der Gesellschaft widmet der Geschlechterfrage eineinhalb Seiten. Hier wird festgestellt, dass es deutliche Unterschiede gibt zwischen den Eigen- und Fremdbildern älterer Frauen und älterer Männer, aber diese Erkenntnis bleibt isoliert stehen ohne jeglichen Einfluss auf den Bericht insgesamt. Ein Indiz für die allgemeine Forschungslage ist das 577 Titel umfassende Literaturverzeichnis: Ganze 15 Titel lassen einen Genderansatz erkennen, sechs beziehen sich dezidiert auf Frauen und zwei auf Männer. Ähnlich erschreckend war das Programm des diesjährigen Deutschen Seniorentages. Von rund hudert Einzelveranstaltungen sprachen in der Ankündigung ganze drei frauenspezifische Aspekte an.

Der sechste Altenbericht beschäftigte sich mit Altersbildern und
lieferte selbst bezeichnende Beispiele.

Alters- und Geschlechterstereotypen treffen alte Frauen doppelt, denn Sexismus und Ageismus verstärken sich gegenseitig. Mit Ageismus sind alle Formen von Altersdiskriminierung gemeint, zum Beispiel in der Arbeitswelt und im Gesundheitswesen. In der Sprache ist die Abwertung alltäglich: »Alterslast«, »Rentnerschwemme«, Langlebigkeitsrisiko«, »Generationenkrieg«, »greiseneinfach«. Auch der freundlich gemeinte Satz »Sie sehen aber jung aus für Ihr Alter« hofiert nicht das Alter, sondern die Jugendlichkeit. Es ist herabsetzend, wenn der Intendant des ZDF ankündigt, seinen ganzen Ehrgeiz dareinsetzen zu wollen, bis 2014 das Durchschnittsalter seines Publikums von 61 auf sechzig Jahre zu drücken, wie die taz vom 23.4.12 schreibt. Die Alten sind die Bösen, wo es doch in Wirklichkeit dem Sender nicht gelingt, junge ZuschauerInnen für sein Programm zu interessieren. Auch dass eine bekannte feministische Zeitschrift zu ihrem Jubiläum stolz verkündet, ihre Leserinnenschaft sei nicht überaltert, sondern so jung wie vor zwanzig Jahren, zeugt weder von Verstand noch von Sensibilität.

Offene und versteckte Altersfeindlichkeit beruht auf Stereotypen von Schwäche, Krankheit, Einsamkeit. Unleugbare Begleiterscheinungen des Alterns werden verabsolutiert und einer ganzen sozialen Gruppe als bestimmendes Merkmal zugewiesen. Diese Stereotype sind der Boden, auf dem die Angst vor dem Altsein wächst und mit ihr die Neigung zu verdrängen. Hier setzt die seit einigen Jahren intensiv betriebene Aufwertung des Alters an. Den Defiziten werden die viel angenehmeren Potenziale gegenübergestellt: die Lebens- und Berufserfahrung, Gelassenheit, Bereitschaft zum Engagement. Es gibt jedoch eine deutliche Tendenz, das Gegenbild von fitten, leistungs- und konsumfreudigen Alten so hochzustilisieren, dass es auf das Selbstbild ebensolchen Druck erzeugt wie das Defizitstereotyp. So erfreulich und durchaus realistisch die Betonung der im Vergleich zu früher viel größeren Gestaltungsmöglichkeiten auch ist, so muss doch hellhörig machen, wie schnell das Hervorheben der positiven Seiten des Alterns verknüpft wird mit Pflichten.

So heißt es in der Broschüre "Eine neue Kultur des Alterns", mit der das Seniorenministerium die Ergebnisse des Sechsten Altenberichts knapp zusammengefasst der Allgemeinheit zur Verfügung stellt, es sei »erstens die Verpflichtung jeder Einzelperson, durch eine selbstverantwortliche Lebensführung Potenziale auszubilden, zu erhalten und sie für sich selbst und andere zu nutzen. Zweitens die Verpflichtung des Staates, für Rahmenbedingungen zu sorgen, die den Menschen eine angemessene Entwicklung und Verwirklichung von Potenzialen sowie eine selbst- und mitverantwortliche Lebensführung ermöglichen.« Was jede Einzelperson tun muss, um der Pflicht zur selbstverantwortlichen Lebensführung nachzukommen, lässt sich leicht konkret vorstellen. Finanziell vorsorgen, gesund leben, sich bilden und sozial engagieren. Welche Verpflichtung der Staat für sich vorsieht, bleibt im Dunklen.


Doing Gender – Doing age 


Die Fotos in genannter Broschüre zeigen deutlich, wie die »neue Kultur des Alterns« aussehen soll. Auf der Titelseite eine alte Frau in zartrosa Bluse mit schönem weißem Haar. Sie sieht von der aufgeschlagenen Zeitung hoch, die sie eben gelesen hat, im Hintergrund eine weiße Orchidee. Im Inneren der Broschüre haben von den fünfzehn Fotos vier ein Frau-Mann-Paar als Motiv, fünf zeigen Frauen und sechs Männer. Letztere sind immer mit anderen, vorwiegend jüngeren Menschen zusammen, mit dem Enkel im Museum, mit einem weiblichen Lehrling, als Leiter einer Gruppe Studierender, mit einem Arzt oder beim Schwatz mit einem gleichaltrigen Gemüsehändler. Allein sind nur ein Skilangläufer und ein Videospieler. Sie alle sind aktiv und im Kontakt. Die Frauen sind überwiegend Einzelgängerinnen etwa beim Gewichtheben oder als Hörerin in einer Vorlesung, wobei die Bildschärfe ihr Gesicht hervorhebt und die jungen Studierenden rundum unscharf zurücktreten; ebenso isoliert erscheint eine andere alte Frau als Gast bei einer Hochzeit. Nur ein Foto hält eine Situation fest, in der eine ältere Frau mit einem jungen Mann ein Buch ansieht. Die Frauen lesen und lernen, betrachten ihre Mitmenschen oder spielen Klavier. Die Männer sind in Bewegung. So setzen sich genderspezifische Zuschreibungen auch da fort, wo dezidiert neue Altersbilder der neuen Vielfalt gerecht werden sollen.

Bei kritischem Hinsehen fallen die Klischees überall auf. Ganzseitig widmete sich die taz am 25.4.12 der »Zukunft in Silbergrau«. Die dominierende Fotoleiste zeigt eine Rentnerin, einen Computerlehrgang für Senioren und eine Seniorenresidenz. Die Rentnerin genießt, auf einer Liege ausgestreckt, rauchend den parkähnlichen Garten. In der Seniorenresidenz sitzt eine schlummernde Frau im Kittelkleid auf einem Sessel, hinter ihr an der Wand ein Kunstgemälde und zwei große Fenster mit Blick ins Grüne. Diese beiden rahmen das Bild dreier alter Männer beim Computerlehrgang ein. Wieder dieselbe Botschaft von Passivität und Aktivität. Die Zeit vom 3.5.12 bebilderte ihr Dossier »Lob der Erfahrung« mit drei Fotos, untertitelt als »Die Anfängerin«, »Der Chefarzt« und »Die Koryphäe«. Letztere ist natürlich ein Mann, nur sein Haar noch etwas schütterer und weißer als das des Chefarztes. Erfahrung ist männlich.


Eines der Motive aus der Dove-Kampagne
mit Fotografien von Annie Leibovitz

Schönheit kennt kein Alter? 


Nur in einem Bereich kommt die ältere Frau vor, in der Werbung für Kosmetikprodukte, und auch da unterliegt frau gern einer Täuschung. »Anti-Aging« wendet sich in Wort und Bild an Junge mit dem Versprechen, sich die Schrecken des Alterns vom Hals halten zu können. Auf diesem Markt landete den größten Coup die Firma Procter & Gamble mit ihrer Werbung für die Dove Pro-Age-Pflegeserie. Alles sollte anders sein: Pro statt Anti, Pflege statt High Tech Formeln. Mit dem Slogan »Schönheit kennt kein Alter« ging es um die »Etablierung des Dove-Schönheitsbildes in der Zielgruppe 50+«. Starfotografin Annie Leibovitz machte die Bilder von nackten Frauen im Alter von 54 bis 63 Jahre. Jede sitzt – ähnlich dem Yoga-Drehsitz – ein Bein untergeschlagen, das andere davor so aufgestellt, dass Vulva, Bauch und Brüste bedeckt sind. Die schlanken Figuren zeigen leichte Sitzfalten nur am Oberschenkelansatz. Die Haut ist am ganzen Körper glatt, im Gesicht sind zarte Lachfältchen erkennbar.

Die Altersgruppe der über Fünfzigjährigen soll als Kundschaft gewonnen werden, soll sich akzeptiert und ernst genommen fühlen, wird aber visuell so präsentiert, dass um der Schönheit Willen die Spuren der gelebten Jahre weggewischt sind. Die Nacktheit sorgt für den Big Bang, wie es in der Werbesprache heißt, und auf den ersten Blick scheint es mutig, ältere Frauen nackt zu zeigen. Aber auf den zweiten erkennt man, dass alle Gefühle, die der alternde Körper auslösen kann, gerade nicht ernst genommen, sondern mit den Falten wegretuschiert wurden: nicht mehr jung, nicht mehr sexy, nicht mehr fruchtbar. Nutzlos?

Diese Werbung ist so interessant, weil sie wie kein anderer Versuch, neue Altersbilder zu schaffen, auch die Widersprüche aufdeckt. Einerseits ist der über fünfzigjährige nackte Körper kein Tabu mehr, andererseits bleibt aber faltenlos die Symbiose von Schönheit und Jugend unangetastet. Das neue Bild entpuppt sich als Bestätigung des alten Stereotyps.

Ganz ähnlich zeugt die Erfindung immer neuer Bezeichnungen zwar von dem Wunsch, alte Klischees durch differenziertere Begriffe abzulösen. Da aber die junge Alte beliebig auch Seniorin heißen kann oder Best Ager, entsteht eher Verwirrung, als dass Vielfalt zum Ausdruck kommt. Und so werden wir wohl noch lange »älter« bleiben, denn eine alte Frau will bis auf Weiteres keine sein.


Der Text erschien zuerst 2012 in der Zeitschrift FrauenRat und darf in unserer Reihe "Als Feministin älter werden" mit freundlicher Genehmigung erneut veröffentlicht werden.



I. v. Bönninghausen / Foto: Malin Kundi

Gastautorin Inge von Bönninghausen


Journalistin in Köln, war viele Jahre Leiterin und Moderatorin der WDR-Sendung „Frauen-Fragen“, gab ihr später den Namen „Frau-TV“. Nach dem Bildschirm kamen die Lobbyarbeit für Frauen in Berlin und das Schreiben über Frauenbewegungen, Menschenrechte, Altersdiskriminierung. Weitgereist hat sie ein großes Faible fürs Internationale, vor allem die Vereinten Nationen.

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