Dienstag, 3. Oktober 2017

"She's a Killer Queen …"

Empfehlungen für einen Superheldinnen-Filmabend von Eva Hehemann

Wer ist die Killer-Queen? Scarlett Johansson, Gal Gadot oder Charlize Theron?
Fotos v. li.: DVD/Blu-ray Ghost in the Shell, Universal Pictures; 2017 WARNER BROS.; Universal Pictures

Kino heißt für mich normalerweise große Leinwand, großer Sound, großer Film – was nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit Blockbuster. Aber auch gemütlich vom eigenen Sofa aus, ohne dass mich das Tütengeraschel oder die Größe der Sitznachbarn stören, sehe ich mir gerne spektakuläre Filme an. Und – DVD-Player sei Dank! – vielleicht auch drei hintereinander; erst recht wenn mir Superheldinnen versprochen werden.

Dieses Jahr hat mir schon drei Filme beschert, die meine Lust auf „groß“ nicht nur in Bezug auf ihre Blockbuster-Qualitäten geweckt haben, sondern auch wegen ihrer Titelfiguren: Heldinnen mit ganz besonderen Fähigkeiten, verkörpert von weiblichen Stars, die für Schönheit, Sex-Appeal und Supergagen bekannt sind. Klar, dass ich alle drei sehen wollte, vor allem um Antwort auf diese Frage zu bekommen: Würde die Tatsache, dass es sich um weibliche Hauptfiguren handelte, die Qualität der Filme bestimmen? Mit anderen Worten: Würden diese Blockbuster den Bechdel-Test bestehen? Würden in ihnen also 1. wenigstens zwei Frauen vorkommen, die 2. miteinander und 3. über etwas anderes als Männer sprechen? 

Jeweils in der Originalversion, aber nicht in 3D habe ich mir angesehen: „Ghost in the Shell“ mit Scarlett Johansson, „Atomic Blonde“ mit Charlize Theron und „Wonder Woman“ mit Gal Gadot in den Hauptrollen. Und empfehle alle drei zum feministischen Binge-Watching.


Major im Einsatz – Menschlicher Geist in künstlichem Körper/
Foto: DVD/Blu-ray Ghost in the Shell, Universal Pictures

Kann ein Cyborg feminin sein?


„Ghost in the Shell“ ist das Remake eines japanischen Anime/Zeichentrickfilms, der bei seinen Fans Kult-Status hat. Eine Science-Fiction-Geschichte über eine Spezialtruppe, die gegen Cyber-Terrorismus vorgeht. Major, die Hauptfigur, ist ein Cyborg, ein künstlicher Körper, dem ein menschlicher Geist eingesetzt wurde. Sie entdeckt im Verlauf der Ermittlungen auch ihre eigene Geschichte, die nicht mit ihrer implantierten Erinnerung übereinstimmt. Das Remake folgt Szene für Szene visuell und inhaltlich weitgehend dem Vorgänger von 1995. Allerdings fehlen in der Real-Verfilmung die philosophischen Gespräche, die das Anime auszeichneten. Dafür gewinnt der Film aber an Dichte und Tempo. Scarlett Johansson verleiht Major in ihrem künstlichen und eher geschlechtslosen Körper eine rätselhafte erotische Aura. Sie trägt als zugkräftiger westlicher Star die mit allen Genre-Wassern gewaschene Neu-Produktion. Die männlichen Darsteller sind zwar bekannt, aber keine ausgesprochenen Action-Stars. Mit Juliette Binoche ist die andere wichtige Frauenrolle besetzt, Dr. Ouelet. 

Das Ende ist dem der Vorlage entgegengesetzt und ich finde es für eine Hollywood-Produktion bezeichnend: Die Hauptfigur entscheidet sich gegen die Verschmelzung mit einem anderen Wesen und gemeinsame Auflösung im Cyberspace. Sie kämpft für ihre individuelle Einzigartigkeit und eine Kontinuität ihrer persönlichen Geschichte und Erinnerungen.

Visuell fand ich den Film sehr attraktiv, so düster und pessimistisch wie die Stimmung von Major, die nach ihren halsbrecherischen Kampf-Einsätzen immer wieder von Dr. Ouelet, einer Art weiblichem Frankenstein, zusammengeflickt wird. Die Aussicht auf eine Zukunft der unbegrenzten körperlichen (Selbst-)Optimierung schien mir noch nie erstrebenswert, die durch nichts zu erhellende Stimmung der Hauptfigur deshalb nachvollziehbar.


Lorraine Broughton (Charlize Theron mit Sophia Boutella) beim Bechdel-Test /Foto: Universal Pictures

Drastische Gewalt in Frauenhand


"Atomic Blonde" basiert auf der Graphic Novel „The Coldest City“ von Anthony Johnston und Sam Hart. Die Titelheldin ist buchstäblich eisgekühlt; mehrfach sehen wir, wie sie ihren zerschundenen Körper in einer Wanne kalten Wassers voller Eiswürfel kühlt. MI6-Agentin Lorraine Broughton prügelt sich auf der Suche nach einer in die falschen Hände geratenen Agenten-Liste und einem Verräter durch das geteilte Berlin, kurz vor dem Fall der Mauer. Ständig ergeben sich überraschende Wendungen, die die Figuren in neuem Licht erscheinen lassen, bis man als Zuschauerin nicht mehr weiß, wer auf welche Seite des Eisernen Vorhangs gehört, wer wen belügt, benutzt oder doch eher rettet. Allianzen sind brüchig und die Wahrheit ist tödlich. Jede Begegnung ist potentiell gefährlich; die atemberaubend choreographierten Prügeleien und Schießereien sind äußerst realistisch dargestellt. Die Agentin überlebt unglaublicher Weise alle diese Kämpfe – wenn auch deutlich gezeichnet. Sie lässt unzählige tote oder wenigstens schwer verletzte Gegner in Treppenhäusern, Hinterhöfen und konspirativen Wohnungen beidseits der Mauer zurück. 

In dieser Welt aus Geheimnissen und Verrat sind Gefühle fehl am Platz, können das Leben kosten. Unzählige Spionage-Thriller spielen mit diesem Thema. Sex ist nur ein weiteres Mittel, um sich Vertrauen zu erschleichen. So beginnt auch Lorraine eine Affäre mit einer französischen Agentin (Sophia Boutella), um an Informationen zu kommen. Wenigstens empfindet sie für die Frau genug, um ihr Leben retten zu wollen, aber wichtiger noch ist ihr die Kontrolle darüber, wer welches Geheimnis hüten darf. Und wenn sie schließlich Bericht erstattet, spielt sie auch noch ihre Auftraggeber gegeneinander aus.

Charlize Theron verkörpert diese Frau mit vollem Einsatz, ohne dabei auch nur eine Sekunde lang unansehnlich zu sein. Ihre Weiblichkeit und erotische Ausstrahlung sind der Fokus des Films. Und genau wie bei männlichen Film-Agenten vom Schlage eines James Bond frage ich mich doch, ob es nicht sinnvoller wäre, sich unauffälliger zu geben. In der Realität dürfte eine Agentin wie diese wohl nie der aufmerksamen Beobachtung ihrer Verfolger entgehen.

Auffallend ist, dass männliche Kritiker sich vorwiegend abfällig über den Film äußern, ihn als inhaltlich oberflächlich beschreiben. Vor allem der Mangel an Gefühl wird gerügt. Kann es sein, dass es da eine übertriebene männliche Erwartungshaltung gegenüber weiblichen Spionen gibt? Und ist es nicht schon eine emanzipatorische Leistung, wenn eine Frau so sein darf wie ein Mann? In diesem Genre also eiskalt und brutal? Aber vielleicht haben sich ja die Stereotypen gewandelt und selbst in bisher oft statischen Genres werden die Charaktere, egal ob Frau oder Mann, mehrdimensional. Freundliche Besprechungen finden sich bei der Filmlöwin und von Verena Lueken in der FAZ.


Die Amazonen (v. li.: Lisa Loven Kongsli, Gal Gadot, Connie Nielsen, Robin Wright)/Foto: 2017 WARNER BROS.

Eine Amazone rettet die Menschheit


„Wonder Woman“ ist der Überraschungserfolg unter den diesjährigen Blockbustern: er spielte schon in den ersten zwei Wochen in den USA 450 Millionen Dollar ein. Der Film erzählt wie die ihm zugrunde liegenden Comics, wie aus der Amazone und Halbgöttin Diana die Superheldin Wonder Woman alias Diana Prince wird. Wie sie bei den Amazonen auf einer in magischem Nebel versteckten Insel aufwächst und zur Kriegerin ausgebildet wird. Wie sie die Insel verlässt, um die Menschheit vor den Intrigen des Kriegsgottes Ares zu retten und den 1. Weltkrieg zu beenden. Und wie sie diese Mission tatsächlich erfüllt.

Klingt nach wilder Phantasie und totalem Blödsinn? Es kommt noch verrückter: Wie zahllose andere Zuschauerinnen weltweit war auch ich mehrfach zu Tränen gerührt. Kathleen Hildebrand hat das in ihrer Filmkritik in der SZ sehr gut eingeordnet und meiner Scham darüber abgeholfen. Nicht ihre Kampfkunst und übermenschliche Kraft machen Wonder Woman zur Superheldin, sondern dass sie nicht an ihrer Mission zweifelt, dass sie ihre Weiblichkeit nicht als Schwäche versteht, dass sie an sich selber glaubt – wozu sie schon als Mädchen im Kampftrainig von ihrer Lehrerin erzogen wurde. Sie ist eben in einer Welt aufgewachsen, in der niemand ihr je gesagt hat: „Lass das! Das ist nichts für Mädchen.“ Ihr in unserer Realität so naiv wirkender Glaube an sich selbst rührt zu Tränen und macht Wonder Woman zu einem feministischen Vorbild. Darum wird in einem Crowdfunding-Projekt in den USA Geld für Mädchen gesammelt, die sich kein Kino-Ticket leisten können, damit sie sich diesen Film ansehen.

Die wahre Gewinnerin aber ist wohl die Regisseurin dieses Films: Patty Jenkins. Sie arbeitet bereits an der Fortsetzung, wofür sie eine Rekord-Gage erhält. Ihr Erfolg wird in Hollywood viele Türen für Frauen vor und hinter der Kamera öffnen. Und er macht deutlich, dass es eben nicht genügt, wenn die superstarke, obercoole und fabelhaft attraktive Hauptfigur eines Films von einer Frau gespielt wird – selbst wenn die Darstellerin ihre Rolle mit feministischem Bewusstsein verkörpert. Damit es mehr wird als eine auf weiblich gedrehte Version der üblichen Blockbuster mit männlichen Titelhelden, braucht es auch den Blick einer Frau hinter der Kamera, ein weibliches Bewusstsein für die Möglichkeiten, die für Frauen auch in diesem Genre stecken.


Vorbild oder vorsintflutlich?


Auf die Kritik von James Cameron, dem Regisseur/Produzent der Terminator-Filme, dass „Wonder Woman“ einen Rückschritt in der Emanzipation darstellen würde, weil sie Klischeevorstellungen von Weiblichkeit bediene und Emotionalität, vor allem Mütterlichkeit, mit attraktivem Äußeren verbinden würde, hat Patty Jenkins gut gekontert: „Wenn Frauen immer hart, tough und mit Problemen belastet sein müssen, um stark sein zu können und wir nicht vielschichtig sein dürfen oder eine Ikone von Frauen überall feiern können, weil sie attraktiv und liebevoll ist, sind wir wohl nicht sehr weit gekommen. Ich glaube, Frauen können und sollten ALLES sein, genau wie es männliche Hauptfiguren sollten. Es gibt keine richtige oder falsche Art von starker Frau. Und die riesige Menge an Zuschauerinnen, die den Film zu einem solchen Hit gemacht haben, sind sicherlich selbst in der Lage ihre eigenen Ikonen des Fortschritts zu wählen und zu beurteilen.“

Aber so ermutigend es auch ist, dass sich Frauen vor und hinter der Kamera alle Genres und jede Art von mehr oder weniger tragenden Rollen erobern, so freue ich mich doch noch mehr als über Superheldinnen-Blockbuster über all die Filme von und mit starken Frauen, die realitätsnahe Geschichten erzählen. Ganz besonders wenn es sich um Verfilmungen von historischen Begebenheiten handelt. Wie zum Beispiel der am 2. November anlaufende Film über den Erfinder von „Wonder Woman“, William Moulton Marston, und die Frauen, die ihn inspirierten. Oder Filme über Schlüsselmomente der Frauenbewegung! In diesem Sinne mache ich mich jetzt auf den Weg und sehe mir „Die göttliche Ordnung“ an, einen Film über den Kampf ums Frauenwahlrecht in der Schweiz. 
Grüezi mitenand!

Übrigens: Den Bechdel-Test haben alle drei Filme bestanden.

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