Montag, 25. September 2017

Am Tag danach: Wie Politikerinnen, Journalistinnen und Wählerinnen das einhundert Jahre alte Frauenwahlrecht nutzen

von Christine Olderdissen

Martin Schulz umringt von den SPD-Politikerinnen Schwesig, Dreyer, Nahles und Hendricks/ Foto: ARD-Schnappschuss


Inszenierung ist alles: Martin Schulz trat am Wahlabend, von Parteikolleginnen umgeben, vor die Kameras, um seine Wahlniederlage zu verkünden. Angela Merkel hingegen war umringt von männlichen Politikern. Abgesehen vom erdrutschartigen Wahlergebnis, das bestätigt, was sich seit Wochen und Monaten angekündigt hat, lohnt es sich in diesem Moment auch darauf zu schauen, was Frauen in diesem Politkrimi leisten.



Später am Wahlabend leitet die sehr gut vorbereitete Anne Will durch eine Talkshow-Diskussion, wie wir sie in dieser Lebendigkeit den gesamten Wahlkampf über vermisst haben. Unübersehbar dabei zwei Frauen, die durch präzise Aussagen die Haltung ihrer Parteien wortgewandt darstellen: Ursula von der Leyen und Manuela Schwesig. Die eine wie die andere redet in ganzen Sätzen auch dann unbeirrt weiter, wenn andere ihr ins Wort fallen wollen. Lächeln und weiter. Ganz schön souverän. Ebenso Anne Will.


Journalistinnen und Politikerinnen können ihr Handwerk


Die politischen Moderatorinnen von ARD und ZDF haben in den vergangenen Wochen einen hervorragenden Job gemacht.


Tina Hassel und Caren Miosga in der ARD-Wahlsendung

Bettina Schausten, Tina Hassel, Marietta Slomka, Caren Miosga, Anne Will – und weitere Kolleginnen - waren auffällig oft auf Sendung und das war stets hoch interessant. Gute Fragen, auf den Punkt.

Es gab auch Versagen, beim Kanzlerduell lag es vermutlich an der Viererrunde. Es war aber wenigstens pari-pari besetzt. Darauf achten wir heute.



Auf der Seite der Politik haben wir in allen Spitzenpositionen Frauen. Ja auch bei der AfD. Abgesehen von ihren drei prominenten Vertreterinnen ist sie zahlenmäßig eine Männerpartei. Ich bin ganz froh, dass die Zahl der Frauen, die da mitmischen, mit 16 % überschaubar ist, auch wenn durch den hohen AfD-Wahlerfolg im neuen Bundestag weniger Frauen als in der zu Ende gegangenen Wahlperiode sitzen werden.*

Ein wenig untergangen in der teils hitzigen Debatte der Talkshow ist die Aufforderung von Hans-Ulrich Jörges, in den Parteien die alten Recken auszutauschen und die Frauen ran zu lassen. Wenn der Karren im Dreck feststeckt, dürfen die Frauen ihn wieder rausziehen.


Ja, aber warum auch nicht. Wir haben talentierte Politikerinnen und natürlich besteht die Hoffnung, dass gerade sie mit kühlem Kopf das innerparteiliche Aufräumen der von den Wählerinnen und Wählern abgestraften Parteien einleiten und mit dem Wahl-Volk endlich ins unmittelbare Gespräch gehen. Her mit neuen runden Tischen.


100 Jahre Frauenwahlrecht – eine Rezension zum Jubiläum 2018


Bei der Gelegenheit muss allerdings an eines erinnert werden: Die politische Teilhabe von Frauen ist ein Recht, das in erbitterten Kämpfen errungen werden musste. Nach jahrzehntelangen, weltweiten und vielfältigen Aktionen der ersten Frauenbewegung war es im November 1918 in Deutschland soweit. Im kommenden Jahr können wir 100 Jahre Frauenwahlrecht feiern.

Und wir werden es feiern – das Historische Museum Frankfurt bereitet zusammen mit dem Archiv der deutschen Frauenbewegung eine große Ausstellung für den Spätsommer 2018 vor. Bereits jetzt können wir uns einlesen. Die Journalistin Rebecca Beerheide und die Kulturwissenschaftlerin Isabel Rohner haben das Buch „100 Jahre Frauenwahlrecht – Ziel erreicht! … und weiter?“ vorgelegt.

Rebecca Beerheide und Isabel Rohner bei der
Buchpräsentation / Foto: Christine Olderdissen
Darin kommen Politikerinnen, Journalistinnen, Unternehmerinnen wie auch Vertreterinnen von großen deutschen Frauenverbänden zu Wort. Das Buch ist ein Schnellschuss, ein gelungener zur rechten Zeit. Beerheide, Vorsitzende des Journalistinnenbundes, und Rohner, Biografin der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm und Herausgeberin ihrer gesammelten Werke, hatten es nach dem Wahldebakel um Hillary Clinton im November 2016 kurzfristig konzipiert und mit Ulrike Helmer eine kongeniale Verlegerin gefunden. 


In „100 Jahre Frauenwahlrecht“ kann sich, wer will, zunächst von den versammelten Historikerinnen Nachhilfe in der Geschichte der Kämpfe um das Frauenwahlrecht geben lassen. Wir kennen Olympe de Gouges, die schon zur Zeit der Französischen Revolution die Forderung nach Teilhabe erhob, dann die Suffragetten, die für ihre wütenden Aktionen ins Gefängnis gingen, wie auch Clara Zetkin, die Anfang des 20. Jahrhunderts dafür in Deutschland kämpfte. Weniger bekannt ist, dass sogar ein „Deutscher Reichsverband für Frauenstimmrecht“ gegründet wurde. Ein unfassbar zäher Kampf, den die Frauen auf dem Weg zu gleichen Rechten ausgefochten haben. Kerstin Wolff vom Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel schreibt: „Das Frauenwahlrecht war ein zentraler Schritt auf dem Weg des deutschen Staates zu einer vollständigen Demokratie“.

Die Leserin, und am besten ganze viele Leser, kann aber auch mit den Berichten der Politikerinnen beginnen: Rita Süssmuth (CDU), Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) wie auch Manuela Schwesig (SPD) gewähren Einblick in die Mühsal der politischen Arbeit einer nach wie vor männlich dominierten Politikkultur. Erfolge können sie trotzdem vorweisen: Allein seit 1949 wurden mehr als einhundert Gesetze mit frauenrechtlichem Bezug geändert, rechnet die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) vor.
    
Als Herausgeberinnen und Verlegerin ihr Buch Ende Juli im Bundesjustizministerium feierlich der Öffentlichkeit vorstellten, hatten sie und alle Rednerinnen eine eindeutige Botschaft: Frauen geht wählen. Nutzt dieses so hart erkämpfte demokratische Recht „für Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt, für Respekt, Toleranz und Mitmenschlichkeit und für eine demokratische Gesellschaft“, so der Wahlaufruf, den neun Wochen vor dem 24. September ein Bündnis der mächtigsten Frauenverbände vorgelegt hatte. Auch der Journalistinnenbund hat mitgemacht.


Frauen – geht wählen. Der Aufruf gilt auch für die Zukunft.


Dabei liegt die Wahlbeteiligung der Frauen oft nur geringfügig unter der der Männer. Es gab 2017 allerdings einen sehr guten Grund, Frauen an die Wahlurnen zu rufen. Rebecca Beerheide zitiert die Erkenntnisse von Wahlforscherinnen und -forschern: „Frauen setzen auf Bewährtes und experimentieren mit ihrer Wahlstimme kaum. Sie geben seltener ihre Stimme bei Parteien an den links- wie rechtsextremen Rändern ab.“ Am gestrigen Sonntag hat sich dies bestätigt. Infratest dimap hat durchgezählt:  Deutlich mehr Frauen wählten die Partei der Kanzlerin. Die AfD wählten 26 Prozent der Männer im Osten, bei den Frauen waren es 17 Prozent; im Westen waren es 13 Prozent der Männer und 7 Prozent Frauen, die der frauenfeindlichen und rechtspopulistischen Partei ihre Stimme gaben.

Politikerinnen wie Journalistinnen werden in den kommenden Wochen sehr viel tun müssen, um die Stärken unserer Demokratie unter Beweis zu stellen. Ob aktives oder passives Wahlrecht - es liegt in den Händen der Frauen, so Rebecca Beerheide.

Die nächste Wahl ist übrigens schon am 15. Oktober für den Landtag von Niedersachsen.

*) Nachtrag
Das Geschlechterverhältnis im nächsten deutschen Bundestag laut Mandatsrechner.de
Frauen:   218 Sitze (31 %)
Männer:  491 Sitze (69%)
Der Tagesspiegel hat das auch in einer interaktiven Grafik visualisiert.

Im letzten dt. Bundestag war das Verhältnis: 37,1 % Frauen zu 62,9 % Männer.

"100 Jahre Frauenwahlrecht - Ziel erreicht! … und weiter?"
Herausgegeben von Isabel Rohner und Rebecca Beerheide
Ulrike Helmer Verlag, 2017


2 Kommentare

  1. 100 Jahre Frauenwahlrecht - und die Zahl der weiblichen Abgeordneten sinkt. Auch das ein Rückschritt bei dieser Wahl. Immer wieder gerne taucht dann das Argument auf, es gebe eben weniger Frauen als Männer in den Parteien. Das Argument könnte man auch umdrehen: Wer so wenig Frauen aufstellt, muss sich nicht wundern, wenn keine eintreten. Interessant ist zudem, dass alle Parteien weniger Frauen als Männer als Direktkandidat*innen aufstellen - auch die Grünen und die Linken, die ihre Listen streng quotieren. (Linke: 51% der Listenplätze Frauen, nur 33% der Wahlkreiskandidaten. Grüne: 51% Listenbewerberinnen, 42% Wahlkreiskandidatinnen). Bei der CSU, die all ihre Direktmandate gewann keine Abgeordneten mehr über die Liste schicken kann, hat das den Frauenanteil weiter reduziert: Auf der Liste waren es 27% Frauen, in den Wahlkreisen nur 17%.

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  2. Das Bild von Martin Schulz umgeben von Frauen ist ebenso bezeichnend wie das Foto von Angela Merkel umgeben von Männern. Diese Bilder zeigen weniger, wie frauenfreundlich oder -feindlich die jeweilige Partei ist, sondern eher wie sich die Männer zum Verlierer bzw. der Gewinnerin positionieren.
    Im Übrigen sehe ich das Wahlergebnis ähnlich gelassen wie all die anderen echten oder vermeintlichen politischen Katastrophen der jüngsten Zeit. Ich bin alt genug, um mich an eine Menge anderer solcher Krisen zu erinnern, die ebenso dramatisch bewertet wurden und die sich doch haben bewältigen lassen.
    Es wird jetzt darauf ankommen, wie ehrlich und vor allem selbstkritisch die Parteien mit ihren Denkzetteln umgehen. In den Medien wäre ebenfalls kritische Selbstreflexion nötig. Wer die Wut der Bürger besänftigen will, sollte ihnen mit Respekt begegnen, statt mit Diffamierung. Und vor allem sollten Doppel-Standards vermieden werden. Dummköpfe, Gewaltbereite, Verbohrte, Abgehängte – die gibt es in ALLEN politischen Lagern.

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