Mittwoch, 10. Mai 2017

Die interkulturell Kompetente - Fünf Fragen an Kerstin Kilanowski

von Luise Loges


Der Journalistinnenbund feiert sein 30jähriges Jubiläum, vom 30. Juni bis 2. Juli 2017 am Gründungsort Frankfurt. Bis dahin stellt der Watch-Salon mit der Interviewserie "Fünf Fragen" in lockerer Folge ganz unterschiedliche Kolleginnen des jb vor, um die Vielfalt unseres Bündnisses und der jeweiligen journalistischen Arbeit zu zeigen. 


Kerstin Kilanowski in Ghana. Als Journalistin und Medientrainerin hat sie über 40 Länder besucht. / Foto: privat


Sie macht sich stark für freie und kritische Presse, und für Gleichberechtigung in der Welt, besonders in Afrika und dem Vorderen Orient. Kerstin Kilanowskis Engagement für Journalisten und vor allem Journalistinnen in anderen Ländern hat mich schon als jb-Neumitglied beeindruckt - kennengelernt haben wir uns durch das gemeinsame Engagement in der AG Brave. Menschenrechte, Entwicklungszusammenarbeit, Empowerment von Frauen und ethnischen Minderheiten sind ihre Themen als Print- und Radiojournalistin. Seit 2012 bietet sie außerdem Kurse für interkulturelle Kommunikation an. Da stellt sich mir direkt die Frage:


Was macht eigentlich eine Trainerin für Interkulturelle Kompetenz?


Es geht darum, Menschen für die Kulturstandards und die ungeschriebenen Gesetze einer Gesellschaft zu sensibilisieren, die überall unterschiedlich sind. Wir saugen diese ja förmlich mit der Muttermilch auf, ohne groß darüber nachzudenken, dass andere Menschen vielleicht ganz anderen Regeln folgen.

Meine Trainingsprojekte richten sich an Einreisende ebenso wie Ausreisende, ich arbeite für Unternehmen, manchmal auch Nichtregierungsorganisationen, etwa Entwicklungshelfende, aber auch in universitären Bereich. Zum Beispiel habe ich gerade ein frauenspezifisches Projekt an der Uni Marburg, bei dem sich "inländische" Studetinnen, Kommilitoninnen coachen, die aus anderen Ländern nach Marburg gekommen sind.

Regional gesehen liegt mein Schwerpunkt auf dem subsaharischen Afrika, aber auch auf den Niederlanden, da meine Partnerin von dort kommt und ich seit einigen Jahren dorthin pendele. Viele glauben gar nicht, dass es da große Unterschiede zu Deutschland gibt, aber die gibt es schon: Zum Beispiel dauern Entscheidungsprozesse dort meist länger, da die Hierarchien in Unternehmen wesentlich flacher sind.


Du warst als Radiojournalistin für die ARD-Gruppe tätig und hast für viele große Printmedien geschrieben. Wie bist du von der Journalistin zur Trainerin geworden?


Ich bin immer noch von ganzem Herzen freie Journalistin, aber nachdem Aufträge immer weniger wurden, habe ich mir ein zweites Standbein gesucht. Ich bin zu einer Coach gegangen, bei der ich fünf bis sechs Sitzungen hatte und danach war mir klar: ich will eine Zusatzausbildung als Trainerin machen - speziell auch zum Thema interkulturelle Kommunikation.

Ich bin froh, dass ich das getan habe, denn es fällt mir immer schwerer, mit Absagen umzugehen, auch wenn das ja ein normaler Teil des Journalistinnenlebens ist. Dennoch nagt es an meiner Substanz, um jeden Text und jedes Hörfunkfeature zu kämpfen. Außerdem stört mich zunehmend der Umgangston in den Redaktionen, gerade gegenüber Freien. In fast jeder anderen Branche wird meiner Erfahrung nach wesentlich respektvoller mit Angestellten umgegangen.

Mit meiner Erfahrung habe ich eine Empfehlung für Kolleginnen, die beruflich feststecken: Coaching kann helfen, eine Entscheidung zu treffen, gerade in der heutigen Zeit, wo die Arbeit als freie Journalistin für viele nicht mehr reicht.


Kerstin Kilanowski


Print- und Radiojournalistin
Trainerin für Interkulturelle Kompetenz

Branche: Print und Hörfunk
Beruf: Journalistin und Trainerin
Standort: Regionalgruppe Köln
jb-Engagement: Brave


Du arbeitest auch mit Journalistinnen und Journalisten in anderen Ländern, etwa Ghana und Ägypten. Wie hast du die Enwicklung der Situation von Medienschaffenden weltweit in den letzten Jahren erlebt?


Ich denke manchmal, was für einen großen Mut die Leute haben, die sich immer noch für die freie Meinungsäußerung einsetzen, besonders in Ägypten, wo ich die Situation gut kenne. Beispielsweise kenne ich einen jungen Journalisten, der ganz offen über Menschenrechtsverletzungen schreibt. Er hat zum Beispiel Fälle von Misshandlungen von Muslimbrüdern in den Gefängnissen offengelegt - ohne selbst mit der Gruppe zu sympathisieren. Da denke ich mir oft: "Junge, pass auf, dass da nicht bald die falschen Leute vor deiner Tür stehen!" - ich würde mich das nicht trauen.

Ghana hingegen ist nicht gerade bekannt für Unterdrückung von Medienschaffenden, aber die Ausbildung ist so theoretisch, dass die jungen Leute gar nicht wissen, wie man ein Interview führt oder was eine vernünftige Recherche ist. Meine Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren mir sehr dankbar, dass wir diese Trainings machen konnten. Im Studium hatten sie nur gelernt, wie man Pressemitteilungen poliert, aber nicht, was es bedeutet, kritischen, unabhängigen Journalismus zu machen. Da sehe ich ganz großen Nachholbedarf, auch in Ländern, wo die Presse nicht direkt unterdrückt wird.


Und in Deutschland?


Wir haben hier in Deutschland sehr hohe Standards, einerseits weil wir sehr gute Ausbildungsmöglichkeiten haben, aber auch wegen den 60 Jahren demokratischer Tradition. Von unterdrückter Presse kann man wirklich nicht sprechen. Zwar nimmt die Qualität vieler sogenannter Qualitätsmedien ab - aber das liegt eher an wirtschaftlichen Zwängen.


Im jb warst du unter anderem in der AG Brave aktiv, die sich für die Unterstützung von Journalistinnen in den Ländern des "arabischen Frühlings" einsetzte. Wie steht es, deiner Meinung nach, um die Befreiung der Frau in der muslimischen Welt?


Der Reflex ist immer zu sagen "Die Frauen in der arabischen Welt sind unterdrückt", aber ich glaube, dass so eine Haltung den Frauen Unrecht tut. Selbst in Ländern wie Saudi-Arabien, wo nur ganz kleine Schritte nach vorne getan werden können, gibt es ja eine Frauenbewegung, die genau dies möglich macht. Es erscheint uns albern, für das Recht auf Autofahren zu kämpfen - aber wir können da nicht mit unseren Maßstäben drangehen, sondern müssen das in Perspektive sehen. Sehr kleine Fortschritte können für die Frauen dort sehr groß sein. Beispielweise habe ich bei einem Training der Deutschen Welle in Kairo eine junge ägyptische Journalistin getroffen, die noch nie vorher außerhalb ihres Hauses übernachtet hatte. Die sprach anfangs sehr leise und war kaum zu verstehen. Bei uns hat sie wortwörtlich gelernt, ihre Stimme zu erheben - und für sie selbst und die anderen Anwesenden machte das einen Riesenunterschied.


Schön, dich im jb dabei zu haben, Kerstin!

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In dieser Serie erschien bereits:

Die historisch bewanderte Autorin - Fünf Fragen an Maren Gottschalk
Die medienkritische Beobachterin - Fünf Fragen an Sissi Pitzer
Die multimediale Preisträgerin - Fünf Fragen an Katharina Thoms
The flying Journalist - Fünf Fragen an Christa Roth
Die vielgereiste Dozentin - Fünf Fragen an Cornelia Gerlach
Die flexible Vermittlerin - Fünf Fragen an Jasmin Lakatos
Die forschende Blattmacherin - Fünf Fragen an Barbara Nazarewska
Die schreibende Psychologin - Fünf Fragen an Nele Langosch
Die Neue im Team - Fünf Fragen an Eva Hehemann
Die Gründerinnen des Medienlabors - Fünf Fragen an Helga Kirchner und Sibylle Plogstedt

Weitere interessante Kolleginnen im Journalistinnenbund finden sich in der Expertinnendatenbank.


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