Mittwoch, 17. Mai 2017

Die feministische Filmlöwin - Fünf Fragen an Sophie Rieger

von Angelika Knop


Der Journalistinnenbund feiert sein 30jähriges Jubiläum, vom 30. Juni bis 2. Juli 2017 am Gründungsort Frankfurt. Bis dahin stellt der Watch-Salon mit der Interviewserie "Fünf Fragen" in lockerer Folge ganz unterschiedliche Kolleginnen des jb vor, um die Vielfalt unseres Bündnisses und der jeweiligen journalistischen Arbeit zu zeigen. 


Die Journalistin und Jurorin Sophie Rieger kritisiert Sexismus und Stereotype in Kino und TV / Foto: privat

Sophie Rieger ergreift gerne die Initiative. Sie schickte mir eine Mail, um dem Watch-Salon die Filmlöwin vorzustellen, und den Newsletter ihres feministischen Magazins. Mich beeindruckte der konsequente Blick durch die Genderbrille auf Kino und TV, der große Sachverstand, die gründliche Recherche und die attraktive Aufmachung. Als ich mit Sophie telefonierte, spürte ich die Energie, mit der sie ihr Projekt betreibt. Sie zieht ihr Ding durch, weil sie keine faulen Kompromisse eingehen möchte, sucht aber den Austausch mit Gleichgesinnten.



Seit 2014 bist du als Filmlöwin mit deinem gleichnamigen feministischen Magazin im Netz unterwegs. Was hat dich dazu gebracht, nach Sexismen und Stereotypen in Kino und Fernsehen „auf die Jagd zu gehen“ und dafür gleich ein eigenes Medium zu gründen?


Ich habe mich schon vor der Filmlöwin viel mit Genderthemen im Film auseinandergesetzt. Ich hatte da auch Kolumnen, aber es war ziemlich schwierig, die Texte an den Menschen zu bringen, vor allem so, dass ich die auch noch gut finde. Es gab dann immer Diskussionen um Reizworte und Kommentarkultur. Deshalb wollte ich das in Eigenregie machen. So kann ich über Formulierungen entscheiden und auch darüber, welche Kommentare stehen bleiben oder welche ich lösche. Der letzte Anstoß war das Frauenfilmfestival „Flying Broom“ in Ankara, bei dem ich in der Jury des Internationalen Verbands der Filmkritik, FIPRESCI, saß. Im Rahmen eines runden Tisches erzählten die verschiedenen Festivalteilnehmerinnen von ihrem Engagement für Frauen in der Filmbranche. Da wollte ich mich auch als Journalistin in meinem Bereich einbringen.


Löwinnen jagen im Rudel - du aber bloggst allein. Warum?


Das hat verschiedene Gründe. Bis 2017 hatte ich auch noch ein Gemeinschaftsblog, filmosophie.com. Aber wir hatten dann Meinungsverschiedenheiten, wie wir den weiterführen wollten. Außerdem: Wenn ich ein Medium erfunden habe, wenn das mein Konzept ist, dann stehe ich hierarchisch über den Mitarbeiterinnen. Und dann habe ich Probleme damit, dass ich die nicht bezahlen kann. Ich will diese Umsonstkultur nicht fördern. Und schließlich: Wenn ich eine Kollegin getroffen hätte, die genau mit mir auf einer Linie liegt, dann hätte ich mich durchaus mit der zusammengeschlossen. Ich habe aber einfach keine getroffen. Es gibt schon deutlich weniger Filmbloggerinnen als Filmblogger, das sehe ich, wenn ich auf Veranstaltungen unterwegs bin oder auch in entsprechenden Facebook-Gruppen. Und ich kenne außer mir in Deutschland niemanden, der oder die sagt, mein Thema ist es, feministisch über Film zu bloggen. Aber wenn da draußen jemand ist und sich meldet, dann freue ich mich.


Das ist dann eine Menge Arbeit. Du besprichst ja sowohl Blockbuster als auch klassische Frauenfilme, verlost Tickets und führst einen Veranstaltungskalender, sitzt auch noch in Kommissionen und Jurys. Das machst du unentgeltlich neben Artikeln für an.schläge, die Kölner Stadtrevue, Missy Magazine oder Kritiken.de – alles Jobs, bei denen du auch nicht reich wirst. Arbeitest du Tag und Nacht?


Nee, nachts schlafe ich. Aber seit zwei Monaten hatte ich tatsächlich kein freies Wochenende mehr, weil ich entweder arbeiten musste oder unterwegs war. Ich schreibe ja auch noch alle zwei Wochen einen Newsletter. Da gibt es viel zu recherchieren. Im Monat investiere ich mindestens 40 Stunden in die Filmlöwin, tendenziell eher mehr, wenn ich die Zeit auf Festivals mitzähle. Ich finanziere das mit einem Nebenjob in der Programmdaten-Redaktion der ARD. Und ich lebe bescheiden.

Mich hat sehr stark motiviert, dass die Filmlöwin relativ schnell deutlich  wahrgenommen wurde. Manchmal komme ich dennoch an den feministischen Burnout und denke: Oh, ich kann damit nichts erreichen und verdiene damit auch noch kein Geld. Und dann passiert immer irgend etwas, das mir hilft, durchzuhalten. Jemand fragt mich nach einem Vortrag oder eine E-Mail kommt: „Mach weiter, das ist so toll.“ Das Feedback auf meinen Artikel über die Darstellung von Vergewaltigung im Tatort war besonders gut. Viele Leute fühlten sich angesprochen und getröstet. Denn auch andere Frauen sind verstört ob dieser Darstellung von sexualisierter Gewalt. Da gab es viele Kommentare. Eine Drehbuchautorin hat sich über Twitter gemeldet, erst im öffentlichen Dialog, dann hat sie mich noch per Direktnachricht angeschrieben. Sie würde das gerne auf einem Podium mit mir diskutieren. Jetzt suche ich ein Filmfestival, wo wir das machen können und eine Organisation, die die Veranstaltung auf die Beine stellt.


Sophie Charlotte Rieger


FILMLÖWIN
Filmkritikerin, -aktivistin und -jurorin

Branche: Online und Print
Beruf: Journalistin
Standort: Berlin
jb-Engagement: Mitglied der Regionalgruppe


Du begreifst dich nicht nur als Filmkritikerin, sondern auch als Filmaktivistin. Bist du dadurch nicht voreingenommen? Wo bleibt denn da die journalistische Unabhängigkeit? 


Ich bin Feministin, aber das beeinträchtigt meine journalistische Arbeit nicht. Gleichberechtigung und Freiheit von Diskriminierung – das sind Grundwerte, die eigentlich für alle selbstverständlich sein sollten. Es ist ja auch nicht jeder politische Journalist oder jede Journalistin wirklich offen dafür, dass man die AFD wählt. Ich finde, dass es im Gegenteil der Filmkritikszene noch am Verständnis fehlt, dass auch die feministische Kritik eine Betrachtungsweise ist, die ihren Platz verdient.


Filme mit sexistischen Stereotypen und Erzählformen sollten deiner Meinung nach im 21. Jahrhundert nicht mehr gedreht und schon gar nicht gefördert oder ausgezeichnet werden. Aber muss Film nicht auch die Wirklichkeit abbilden? Und die ist eben oft sexistisch. 


Ein Film über Sexismus ist kein sexistischer Film. Man kann Sexismus in der Gesellschaft darstellen ohne selbst eine sexistische Botschaft zu senden. Die Filme, die mir aufstoßen, setzen sich damit aber gar nicht bewusst auseinander. Man merkt, ob der Film etwas vorführt und dann wieder bricht oder es unkritisch übernimmt. Es ist eine Ausrede, wenn man vorgibt, dass zum Beispiel die Comicverfilmung Captain America ein gestriges Männlichkeitsbild ironisiert. Die Zuschauer von Blockbustern sehen die ironische Brechung in der Regel nicht.

Solche Darstellungen festigen stereotype Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit. Denn gerade Kinder und Jugendliche konsumieren heutzutage bestimmt viel mehr Filme als Bücher. In der Schule analysieren sie die aber nicht. Man sollte sie dafür sensibilisieren, dass ein Medium immer eine bestimmte Sichtweise transportiert. Neue Botschaften können unsere Gesellschaft prägen und verändern - wie wir denken, die Welt sehen und interpretieren. Warum nicht gleich da anfangen, wenn diese Prägung noch in der Mache ist? Workshops in Schulen - dafür müsste ich mal ein Konzept ausarbeiten. Das ist eine von meinen 1001 Ideen - aber mir fehlt die Zeit, sie umzusetzen. Ich muss ja die Filmlöwin am Laufen halten und mich finanzieren.


Schön, dich im jb dabei zu haben, Sophie!

***

In dieser Serie erschienen bereits:

Die interkulturell Kompetente - Fünf Fragen an Kerstin Kilanowski
Die historisch bewanderte Autorin - Fünf Fragen an Maren Gottschalk
Die medienkritische Beobachterin - Fünf Fragen an Sissi Pitzer
Die multimediale Preisträgerin - Fünf Fragen an Katharina Thoms
The flying Journalist - Fünf Fragen an Christa Roth
Die vielgereiste Dozentin - Fünf Fragen an Cornelia Gerlach
Die flexible Vermittlerin - Fünf Fragen an Jasmin Lakatos
Die forschende Blattmacherin - Fünf Fragen an Barbara Nazarewska
Die schreibende Psychologin - Fünf Fragen an Nele Langosch
Die Neue im Team - Fünf Fragen an Eva Hehemann
Die Gründerinnen des Medienlabors - Fünf Fragen an Helga Kirchner und Sibylle Plogstedt

Weitere interessante Kolleginnen im Journalistinnenbund finden sich in der Expertinnendatenbank.

2 Kommentare

  1. Sehr gute Arbeit, Filmlöwin!
    Eine Anlaufstelle für ein Podium zum feministischen Blick auf den Film könnte sowohl das jährliche DokFest wie das Filmfest in München sein. Beide nehme ich als offen für dieses Thema wahr.

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  2. Liebe Angelika Knop, liebe Sophie Rieger, sehr sehr herzlichen Dank für dieses Interview! Toll, was Du, Sophie, auf die Beine stellst, ich wünsche Dir dafür sehr viel Echo und professionell-finanzielle Unterstützung! Insbesondere Deine These, dass angeblich kritische Zitierung von Gendervorurteilen eben nicht so begriffen wird, sondern letztlich als Verstärkung der frauenfeindlichen Bilder dient, spricht mir sehr aus dem Herzen. Sabine

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