Freitag, 12. Mai 2017

Acht gute Gründe zur re:publica zu gehen

von Mareice Kaiser, Magdalena Köster und Christine Olderdissen


Miriam Meckel beim Vortrag über beängstigende Cyberforschung am Gehirn / Foto: Christine Olderdissen

Wenn NetzaktivistInnen, Nerds und Medienschaffende mit Hang zum Digitalen zusammentreffen, dann ist in Berlin re:publica. Drei Tage, 800 Sessions, 9000 Teilnehmende. Anders als die Jahre davor steigt gefühlt das Durchschnittsalter. Unter die vielen jungen Leute mischen sich inzwischen Menschen im Alter 50+. Das Internet ist für alle da.

An der #rp17 haben auch drei Salonistas teilgenommen: Magdalena Köster, immer mit einem wachen Auge für netzpolitische Entwicklungen, Mareice Kaiser, die zwei Jahre zuvor, bei der re:publica15 selbst eine Session gehalten hat, und Christine Olderdissen, die sich als Überraschungsgast auf der Bühne des Digitalen Quartetts wiederfand. Wir drei haben gute Gründe, den Besuch der nächsten re:publica zu empfehlen:


1. Frauenanteil: 47 Prozent


Christine: Über die Speaker-Liste der re:publica zu scrollen ist ein Vergnügen. So viele bunte Portraitfotos! Das liegt am hohen Frauenanteil. "Die fünzig Prozent haben wir noch nicht geschafft", gab Mitorganisator Markus Beckedahl bei der feierlichen Eröffnung der re:publica 17 ganz ehrlich zu, "aber mit 47 Prozent sind wir schon fast am Ziel". Die Digital Media Women (#DMW) verteilten prompt "47 %"- Karten mit Empfehlungen, wie VeranstalterInnen mehr Frauen auf ihre Bühnen bringen. Der beste Tipp: Fang rechtzeitig mit der Suche an, z.B. durch Kooperation mit Branchennetzwerken - wie #DMW, Speakerinnen.org, Journalistinnenbund usw.


Präsentation von Bento / Foto: C. Olderdissen
Eigenlob für hohen Frauenanteil
Für Bento arbeiten in der Mehrheit Frauen. Das sei auch bei der Themensetzung deutlich zu spüren, sagen Julia Rieke und Ole Reissmann bei der Mediaconvention Berlin.

Wermutstropfen: wenn der Frauenanteil steigt, sinken die Gehälter. Hinweise von Inga Höltmann @ihoelt. So sad, so true.



2. Denken macht Spaß


Mareice: In diesem Jahr habe ich es endlich geschafft, wirklich viele Sessions zu sehen. Einige explizit ausgewählt, andere zufällig. Dabei habe ich viel über das Denken nachgedacht und über Dinge, Zustände und Situationen, über die ich mir noch nie Gedanken gemacht hatte. Mein Kopf wird ganz bestimmt in den kommenden Tagen weiter denken und ich freue mich schon auf die Videos der Sessions, die ich nicht besuchen konnte. Die werden mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung ins Netz gestellt. Ich habe Gehirn-Muskelkater und ich finde das gut.


3. Zufallsbekanntschaften


Christine: Ein aufmunternder Blick, ein nettes Wort, schon kommst du bei der re:publica mit interessanten Menschen ins Gespräch. Viele sind in Plauderlaune und neugierig, wer tummelt sich da. Meine Begegnungen: Edda Vogt hat für die Frankfurter Börse 10.000 Tweets in acht Jahren abgesetzt, Christine Skupsch von den Bildungspunks setzt sich für eine bessere digitale Medienbildung für Schülerinnen und Schüler ein, Céline Keller hat 2014 das aufregend schöne Konferenzdesign "Into the Wild" für die re:publica 14 entworfen. Die Liste ließe sich fortsetzen.


4. Kids are welcome



Mareice: Ja, es gibt keine Kinderbetreuung bei der re:publica. Ja, der Kinderbereich liegt viel zu laut inmitten des Affenfelsen-Trubels. Ja, wirkliche Kinderfreundlichkeit sieht anders aus. Dennoch: Die re:publica mit Kind ist toll! Ganz bestimmt nicht für drei volle Tage und natürlich kommt es auf das Alter und das persönliche Interesse der Kinder an. Die zwei Stunden mit meiner Tochter waren jedenfalls prima – für mich und für's Kind. Die Maus, der Sandmann, das Bällebad (in dem Kinder Vorrang haben sollten), die Pommes. In Vorfreude auf mehr Ideen für Kinder und ihre Betreuung bei der #rp18.


5. Am Tag die Sessions, am Abend die Party


Christine: Eine von vielen Sessions, die mir positiv aufgefallen sind, war die Projektvorstellung von Nora Hespers. Die Journalistin hat das private Blog- und Podcast-Projekt "Die Anachronistin" aufgezogen und würdigt darin die Lebensgeschichte ihres Großvaters Theo Hespers. Er war Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und wurde hingerichtet.

Die Anachronistin auf der Bühne / Foto: C. Olderdissen
In ihrer Arbeit stellt die Journalistin immer auch hochaktuelle Bezüge zur politischen Situation heute her. "Die Anachronistin" ist eine Entdeckung. Anschauen und dran bleiben, denn die Autorin recherchiert  weiter.

Bei allem Ernst und Engagement - am späten Abend entdeckte ich Nora Hespers bei der Karaoke-Party wieder. Sie rockte die Bühne. Einen Song lang. So geht re:publica.


6. Magdalenas Randnotizen


Die Macht der Sprachbilder


Die sollten wir uns merken: Elisabeth Wehling, Neurolinguistin und Gehirnforscherin in den USA, hat den Wahlsieg von Trump vorausgesagt, weil er ganz bestimmte "Framings" verwendet und damit sehr viele Menschen angesprochen hat. "Wörter sind semantische Wundertüten", erklärte Wehling. Sie erzeugten jede Menge Bilder, aber nicht bei allen Menschen die gleichen. "Wir haben Gehirne untersucht, während wir den Menschen Ekelsimulationen zeigten. Diejenigen, die sich zuvor als eher konservativ eingestuft hatten, zeigten eine viel stärkere Assoziation als andere. Konservative Gehirne flippten regelrecht aus. Das heißt, bei Dauerbeschuss durch Ekel- und auch Reinheits-Framings werden Menschen konservativer." Dieses Wissen habe Trump in seinen Reden und Tweets konsequent angewendet, wie Wehling an Beispielen zeigte.


„Language is never innocent“


Elisabeth Wehling warnt auch davor, ständig den Begriff „Fake News“ zu benutzen. Trump habe ihn erfunden und auch, wenn wir gegen Fake-News sprechen, verfestige er doch das Bild der Lügenpresse, egal, was inhaltlich gesagt wurde.



Big Data bestimmt unsere Zukunft


... und die Zukunft hat bereits begonnen. Die re:publica zeigt, der Datenhunger großer Konzerne ist gewaltig. Ingo Dachwitz von netzpolitik.org hat in seiner Session darauf hingewiesen: 9 von 10 Seiten betreiben Back-Tracking. 78% leiten Informationen an Google weiter. Auch die meisten deutschen Nachrichtenseiten haben Verbindungen zu Fremdseiten. Jede Woche gibt es irgendeine neue Entwicklung. Glaubst du heute noch, durch tägliches Löschen der Cookies aus deinem Suchverlauf wärst du einigermaßen sicher, hast du dich getäuscht. Längst gibt es Flash- und Zombiecookies, die sich in deinem Browser, sei es Firefox, Safari oder Internet Explorer, festkrallen. Sicherheit und Privatheit gehen in den Keller.


Dildo mit Sender


Viele Haushaltsgeräte neuester Bauart, wie Staubsauger-Roboter, Kühlschranke und Flachbildfernseher haben einen Sender direkt zum Hersteller, der ganz sicher nicht nur mitteilt, dass wir neues Klopapier brauchen. Sogar das Intimste wird ausgehorcht: Sex Toys sammeln Daten über Körperwärme, Intensität und Häufigkeit des Gebrauchs.
Tipp: nie die dazu buchbaren Apps benutzen. Je älter Eure Schätzchen, desto sicherer.


Nix mit e-privacy

Wohin unsere Daten wandern / Foto: L. Köster

Auch wenn es mühsam ist, sollten wir alles über den EU-Gesetzentwurf e-privacy lesen. Immer noch ist offline-tracking erlaubt. Wenn wir also etwa W-lan oder Bluetooth eingeschaltet haben, werden wir auf all unseren Wegen getrackt. Insider wiesen auf der republica darauf hin, dass auch weiterhin ein Trackingverbot für sensible Bereiche fehlt, etwa für die Daten von Minderjährigen oder Daten aus dem Gesundheitsbereich.

Digitalcharta.eu


Noch etwas, dass wir verfolgen sollten: Die ZEIT-Stiftung organisiert und finanziert die Idee einer Digital-Charta, weil wir nicht sicher sein können, dass das Grundgesetz im digitalen Zeitalter noch alles, was Recht ist, abdecken kann. Mehr als 20 Personen quer durch die Gesellschaft arbeiten schon seit längerem daran, was alles dazu gehört, um die Bürgerrechte im digitalen Zeitalter zu wahren. Bei der Republica gab es mehrere Workshops dazu und auch die Netzseite digitalcharta.eu ist offen aufgebaut, in der Entwicklung verfolgbar und jederzeit kommentierbar.


Das rechte Treiben und die Bundestagswahl


Ein Highlight war wieder die Session mit der österreichischen Journalistin Ingrid Brodnig, die nach ihrem Buch zu "Hass im Netz" nun vor allem das rechte Treiben verfolgt. Sie zeigte den Screenshot einer ultrarechten Gruppe, die noch in der Nacht nach Macrons Wahl im Netz schrieb "Frankreich ist verloren, jetzt geht es um Deutschland". Ja, es werde im Netz und über Social-Bots eine Schlacht vor der deutschen Bundestagswahl geben, davon ist sie überzeugt.

Ingrid Brodnig hat beobachtet, dass die Rechten stark mit Bildern arbeiten. Ihr Vorschlag in meinem Tweet:


 

7. Sätze, die bleiben


Mareice: So viele wichtige Sätze, die Inspirationen für die kommenden Tage sind.


Puno Selesh / Foto: M. Kaiser
  Spoken Word Artist Puno Selesh:

„I am she and I am worthy.“








Autorin Margarete Stokowski:

"Im schlimmsten Fall funktioniert Liebe so, dass Frauen etwas herstellen und Männer es essen."

 

 

8. Feminismus-Session mit dem Watch-Salon. 2018. Versprochen.


Re:publica 18 - wir kommen. Bei einer eigenen Session werden wir über Feminismus und Journalismus sprechen. Denn das fehlte bei der #rp17.

Kommentare

  1. Daten, das neue Gold, sollte auch ein Thema für den Journalistinnenbund werden. Damit wir mehr darüber wissen, was Netzpolitik.org bei der Re:publica mit ihren Aufklebern plakatierte:
    "Wer hat uns verraten? Metadaten!"

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