Donnerstag, 2. März 2017

Von Rabaukinnen und Prinzen

von Mareice Kaiser


Serie "Mit ohne Rosa" von Karin Lubenau

Seitdem wir beim Frisör waren, geht es eigentlich. "Ich will die Haare so wie Mama!" befahl meine dreijährige Tochter - und der Frisör schnitt ihre Haare kurz. Seitdem wird "der kleine Junge" gelobt dafür, dass er frech ist, dass er stark ist und dass er schlau ist. Meine Tochter eben. 

Noch immer werden Kindern je nach Geschlecht unterschiedliche Verhaltensattribute zugeschrieben – Gendermarketing unterstützt diese Aufteilung und will uns eine Welt verkaufen, in der Farben, Interessen, Verhaltensweisen und Eigenschaften streng nach Geschlecht getrennt werden. Was bei Kindern beginnt, geht auch für erwachsene Menschen weiter. So gibt es für Kinder rosa Smarties für Prinzessinnen und blaue Smarties für Ritter; Erwachsene streuen sich entweder Frauensalz oder Männersalz aufs Butterbrot. 

Für besonders absurde Auswüchse in Werbestrategien, -Slogans oder Verpackungen gibt es nun einen Preis: Der Goldene Zaunpfahl. Er wird am 3. März 2017 um 18 Uhr im HAU1 in Berlin verliehen an die, die den Wink besonders nötig haben. Initiiert wurde der Preis von Anke Domscheit-Berg, Almut Schnerring und Sascha Verlan. Wir vom Watch-Salon werden dabei sein und haben uns vorab über unsere eigenen Erfahrungen mit Gendermarketing und limitierenden Rollenbildern unterhalten. Ein Auszug, illustriert mit der tollen Plakatserie Mit ohne Rosa von Karin Lubenau.

"Feeministin" von Karin Lubenau

Schon seit seiner Geburt habe ich den Sohn einer Freundin, nennen wir ihn Henry, mit Klamotten vom Flohmarkt versorgt. Alles lief gut, bis er drei wurde. Da gab es plötzlich unglaublich kritische Blicke von ihm, das zieh ich nicht an, das will ich nicht. Auch fing er da schon an, die Jeans herunter zu schoppen und Unterhemden nur noch über der Hose zu tragen. Als ich im Winter ein schönes langärmliges Unterhemd vorbei brachte, zeigte er nur auf die Borte und meinte, das mag ich nicht. Ich musste drei mal überlegen, warum. Die Borte zeigte ganz unauffällige kleine Mausezähnchen, um dem Hemd den Mädchenstempel aufzudrücken.

"Ballerina" von Karin Lubenau

Meine Bekannten haben eine dreijährige Tochter. Die bekam neulich ein gebrauchtes Puzzle von einer befreundeten Familie geschenkt: Ein Holzteile-Puzzle, das eine Prinzessin in einem rosa Kleid zeigt. Die Dreijährige freute sich über das neue Spielzeug und die Mutter erklärte: "Ja, das hast du bekommen, weil die M. jetzt zu alt dafür ist und der kleine J. ja bestimmt nicht mit einem rosa Puzzle spielen möchte."

"Handwerkerin" von Karin Lubenau


Ich habe versucht, unsere Kinder aufwachsen zu lassen, ohne ihnen Gender-Stereotypen überzustülpen. Unser Sohn ist in Tokio geboren, da war in den 90er Jahren die Kinderwelt streng in blau und rosa, Jungssachen und Mädchensachen eingeteilt. Ausländer*innen aber haben in Japan Narrenfreiheit. Deshalb hat sich nie jemand laut gewundert, als unser Sohn stolz seinen Puppenkinderwagen durch die Gegend schob. 
Mit vier Jahren Abstand wurde dann meine Tochter in Bonn geboren. Als Kleinkind war es ihr egal, dass ich ihr die Latzhosen ihres Bruders zum Anziehen gab, später hat sie dann dagegen gemeutert. Sie wollte ihre eigenen Klamotten, aber rosa mochte sie nie. Einen pinken Regenmantel, den ihr die Oma geschenkt hatte, mussten wir sogar umtauschen. Als sie klein waren, haben beide gerne mit ihrer Puppenküche gespielt und Playmobil-Burgen aufgebaut. Später haben sie sich dann von ihrem Taschengeld Pokemon-Karten (der eine) und Plastik-Ponys (die andere) gekauft. Aber das war mir dann auch schon egal.
Jetzt sind beide erwachsen, können ganz gut kochen, interessieren sich für Politik und legen großen Wert auf gutes Aussehen. Ich würde sagen: Experiment geglückt.


"Rollenbild" von Karin Lubenau

Eine Freundin von mir hat eine dreijährige Tochter und denkt so oft es geht an die Doppelnennung. Also zum Beispiel: "Waldarbeiterinnen und Waldarbeiter", "Piloten und Pilotinnen". Als sie einmal mit der Tochter an einer städtischen Wiese vorbeikam, die von (ausschliesslich männlichen) Arbeitern gemäht wurde, fragte das Kind: "Mama, was machen die Arbeiterinnen da?" - Womöglich war der Kleinen die Doppelnennung zu umständlich.

"Pferdemädchen" von Karin Lubenau

Mein Sohn hat bei Stereotypen auch nie mitspielen wollen und lief besonders gerne als Fee verkleidet herum. Als wir in Canterbury in der Einkaufsstraße einen Stand mit herrlich knalligen Feenkleidern entdeckten, mussten wir beiden Kindern ein solches Kleid kaufen, zum größten Erstaunen des Verkäufers. Mein Sohn hat auch Ballett getanzt und flog auf bunt Gemustertes, liebte Barbies wegen der langen Haare und am meisten wenn sie in Fantasie-Kostümen steckten. Das entsprechende Mobbing blieb natürlich nicht aus. Und auch der Verdacht, er könnte schwul werden, wenn wir ihm das alles durchgehen ließen. Dann habe ich immer geantwortet, dass ich Homosexualität nicht für einen Charakterfehler hielte.

"Freiheitsstatue" von Karin Lubenau

Mein Freund Hannes ist zwei Meter groß, bärig-breitschultrig, mit langen, roten Haaren und Bart. Er ist Hausmann und Vater von zwei wunderbaren kleinen Jungs. Eines Tages beim Einkaufen legte der Ältere von den beiden, während Hannes am Band stand, ein rosa Ü-Ei dazu. Die Verkäuferin äußerte pikiert: "Aber die rosanen sind doch FÜR MÄDCHEN!" Daraufhin verschränkte Hannes die Arme vor der Wikingerbrust und verkündete deutlich hörbar für den ganzen Laden: "Wenn mein Sohn ein rosa Überraschungs-Ei will, dann KRIEGT er ein rosa Überraschungs-Ei!"



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Verleihung Der Goldene Zaunpfahl, am 3. März 2017 um 18 Uhr im HAU1 Hebbel am Ufer, Stresemannstraße 29, 10963 Berlin

Karin Lubenau, Jahrgang 1979, lebt und arbeitet in Berlin. In ihrer Plakatserie "Mit ohne Rosa" korrigiert sie gängige Rollenbilder.

Kommentare

  1. Ich habe diesen Beitrag an verschiedene Eltern geschickt, alle hielten sich für "neutral", über einem solchen Quatsch stünden sie. Und dann verhalten sie sich doch wieder nach dem blau-rosa-Schema. Leider habe ich auch den Eindruck, dass Buben-Eltern besonders auf "ordentliche Jungs-Sachen" ohne Glitzer achten. Das ist besonders gemein, weil viele von denen das nämlich klammheimlich mögen.

    Hier noch der Link zum Abschlussbericht der Goldenen-Zaunpfahl-Verleihung.
    Herrlich, wie Nominierte darauf reagieren, z.B.
    „Wir können die Kritik nicht nachvollziehen, Aptamil steht für ein modernes Rollen- und Familienverständnis.“ (Milupa auf Spiegel Online)

    DerGoldeneZaunpfahl

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