Mittwoch, 15. März 2017

Die forschende Blattmacherin - Fünf Fragen an Barbara Nazarewska

von Angelika Knop


Der Journalistinnenbund feiert sein 30jähriges Jubiläum, vom 30. Juni bis 2. Juli 2017 am Gründungsort Frankfurt. Bis dahin stellt der Watch-Salon mit der Interviewserie "Fünf Fragen" in lockerer Folge ganz unterschiedliche Kolleginnen des jb vor, um die Vielfalt unseres Bündnisses und der jeweiligen journalistischen Arbeit zu zeigen.

Barbara Nazarewska - Tageszeitungsredakteurin und Dozentin für Kommunikationswissenschaft / Foto: Klaus Haag

Konfliktgespräche, Gehaltsverhandlungen, Zielvorstellungen - in einem Workshop des Journalistinnenbundes zum Thema „Spielregeln im Job“ habe ich Barbara Nazarewska vor ein paar Jahren kennengelernt. Mich beeindruckte, dass sie so engagiert dabei war, obwohl sie gerade die Doppelbelastung Vollzeitredakteurin und Dissertation stemmte. Bald steht sie vor der nächsten Doppelbelastung - Kind und Karriere. Die Doktorarbeit aber ist veröffentlicht, sie beschäftigt sich mit den "Lokalfürsten der Regionalzeitung".


„Wer bestimmt die redaktionelle Nachrichtenauswahl im Lokalteil?“ Das hast du bis 2015 in deiner Doktorarbeit untersucht. Wie setzen denn Journalist*innen ihre Themen erfolgreich durch?

Indem sie, vereinfacht ausgedrückt, drei Kriterien erfüllen. Erstens: Sie leben vor Ort. Zweitens: Sie engagieren sich in einem Verein. Drittens: Sie sind seit mehreren Jahren in „ihrer“ Lokalredaktion tätig. Das mögen auf den ersten Blick keine besonders überraschenden Ergebnisse sein, dennoch liefern sie wertvolle Impulse. Denn: Die meisten Studien dieser Art benennen nur Defizite der Lokalberichterstattung. Ich wollte aber die Bedingungen erforschen, unter denen Zeitungsinhalte – und besagte Defizite – enstehen. Wenn ich nun also weiß, wer im Wesentlichen die Themen setzt, und wenn dies wiederholt zu einer gewissen Konformität in der lokalen Berichterstattung führt, kann ich mit einer „maßgeschneiderten“ Personalplanung gegensteuern.

Decken sich diese Erkenntnisse mit deinen eigenen Erfahrungen im Job und was bringt dir dein Wissen jetzt als Verantwortliche Redakteurin ein?

Hätten die Ergebnisse meiner Dissertation keinerlei Bezug zur Praxis, wäre die Arbeit eine Farce gewesen. Ich selbst komme ja aus der Praxis: Ich habe im Lokalen angefangen, als Volontärin bei der Ebersberger Zeitung. Dann wechselte ich als Politikredakteurin ins Haupthaus des Münchner Merkurs in die Landeshauptstadt. Später war ich Reporterin – bis ich 2015 das Ressort Gesundheit und Wissenschaft übernahm. Für mich ist klar: Eine regionale Zeitung lebt vor allem von regionalen Inhalten. Davon gibt es jede Menge, nicht nur im Lokalen, sondern in allen Ressorts, sei es Politik, Wirtschaft oder Sport. Schafft man es, diese vielen Themen  in unterschiedlicher Weise journalistisch aufzubereiten, erreicht man auch die vielen unterschiedlichen Leser. Was es dafür braucht? Grob gesagt: zugleich erfahrene Redakteure und Journalisten, die einen frischen, unverstellten Blick haben. Sie alle sollten in jedem Ressort weitgehend gleichberechtigt arbeiten. Denn: Ein guter personeller Mix schlägt sich auch stets thematisch nieder.

Journalistinnen haben deutlich seltener Kinder als ihre männlichen Kollegen oder andere Akademikerinnen. Mütter in unserem Job verlassen oft die Karriereleiter, die Festanstellung oder gleich die Branche. Du bist gerade für ein Jahr in Elternzeit gegangen. Wie planst du die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit Arbeitgeber und Partner?

Ich persönlich kenne viele Journalistinnen, die Kinder haben – und die nach ein bis zwei Jahren Elternzeit in ihren alten Job zurückgekehrt sind. Natürlich schafft man es in der Regel nicht, gleich wieder Vollzeit einzusteigen; die meisten stocken erst auf, sobald die Kinder älter sind. Aber letztlich ist es doch vor allem eine Frage der Organisation. Man sollte sich klar machen: Wie kann ich den Job nach der Elternzeit wuppen? Und man sollte das dann auch mit den Vorgesetzten ganz konkret planen. Ich selbst weiß jedenfalls keine Mutter, die  ernsthaft umsatteln musste. Allerdings haben die meisten schon beim vagen Kinderwunsch damit angefangen, sich darüber Gedanken zu machen, wie es nach der Baby-Auszeit weitergeht – und welche Weichen sie in ihrer aktuellen Position dafür stellen müssen. Solche Gedanken habe ich mir auch gemacht. 2018 wird dann zeigen, wie es in der Realität läuft.

Barbara Nazarewska


Verantwortliche Redakteurin für das Ressort Gesundheit und Wissenschaft beim Münchner Merkur

Branche: Tageszeitung
Beruf: Journalistin und Uni-Dozentin für Kommunikationswissenschaften
Standort: München und Augsburg
jb-Engagement: Mitglied in der Regionalgruppe München

Einbrechende Auflagen, sinkende Einnahmen - die Tageszeitungen stecken in der Krise. Wie siehst du da deine berufliche Zukunft und was rätst du Volontär*innen oder deinen Student*innen der Kommunikationswissenschaft an der Uni Augsburg?

Als ich 2003 mein Studium beendet habe, war auch schon längst die Rede von einbrechenden Auflagen, sinkenden Einnahmen und Tageszeitungen, die in der Krise stecken. Im Grunde kennt meine „Generation“ nichts anderes als diese Krise. Ich will damit nichts relativieren, zumal kein Journalist die aktuelle Situation schönreden würde.  Und zweifelsohne hat sich die Lage verschärft – und sie wird sich weiter verschärfen. Leider! Aber ist deshalb der Journalismus am Ende? Und sollen sich junge Menschen lieber gleich einen anderen Job suchen? Ich glaube nicht. Man muss realistisch sein, keine Frage – aber auch idealistisch genug, um daran zu glauben, dass sich Qualität durchsetzt. Wer also hart daran arbeitet, richtig gut zu sein, der wird seinen Weg machen. Und das sage ich auch meinen Studierenden. Wohl wissend, dass dies sicher nicht auf jeden zutrifft. Aber ist das letztlich nicht in jeder Branche so?

Du bist 2010 in den Journalistinnenbund eingetreten. Was hat dich dazu motiviert?

Ich glaube, dass gute journalistische Arbeit vom Austausch lebt. Und das steht beim Journalistinnenbund ganz oben auf der Agenda. Es interessiert mich, wie Kolleginnen Themen umsetzen, worauf sie dabei Wert legen, wo sie an ihre Grenzen stoßen. Daraus lässt sich sehr viel für seine eigene Arbeit ziehen – und oft kehrt man mit einem frischen Blick wieder an den eigenen Schreibtisch zurück.

Schön, Dich im JB dabei zu haben, Barbara!

***
In dieser Serie erschienen bereits:

Die schreibende Psychologin - Fünf Fragen an Nele Langosch
Die Neue im Team - Fünf Fragen an Eva Hehemann
Die Gründerinnen des Medienlabors - Fünf Fragen an Helga Kirchner und Sibylle Plogstedt

Weitere interessante Kolleginnen im Journalistinnenbund finden sich in der Expertinnendatenbank

Kommentare

  1. Schön, dass du auch das Thema Kinder angesprochen hast und die Antwort so entspannt ist. Meiner Erfahrung nach ist der Wiedereinstieg nicht das Problem, außer frau will ihn nicht. Was passieren kann. Im übrigen plädiere ich immer dafür, sich Unterstützung zu holen und die ordentlich zu bezahlen. Und das macht bitteschön der oder die Mehrverdienende ...

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