Freitag, 3. Februar 2017

Steine schmeißen im Glashaus: Medienbetriebe haben weder Entgelttransparenz noch -gleichheit

Equal-Pay-Berichte im Heft und auf Sendung - aber sich selber nicht in die Lohntütchen gucken lassen  /  Foto: Privat

Wenn in sechs Wochen, am Samstag den 18. März, zum Equal Pay Day wieder Frauen mit roten Taschen gegen Lohnunterschiede demonstrieren, wird Frontal21-Redakteurin Birte Meier schon Berufung gegen ihre Niederlage vor dem Berliner Arbeitsgericht eingelegt haben. Das hatte am Mittwoch ihre Klage wegen Lohndiskriminierung in allen Punkten abgewiesen. Zum nächsten Aktionstag haben die Medien also endlich den plakativen Beispielfall, nach dem sie die Aktivist*innen immer so gerne gefragt haben - in den eigenen Reihen: Die Frau, die tatsächlich am gleichen Arbeitsplatz weniger Geld bekommt als die Kollegen. Doch eigentlich hätte uns Journalist*innen schon immer klar sein müssen, dass die Medienbranche genau der richtige Ort ist, um Vieles darzustellen, was beim Thema Entgeltgleichheit schief läuft. Transparenz und Gerechtigkeit - das fordern wir gerne in der Berichterstattung, am Arbeitsplatz kennen wir das selber nicht.

Vor zwei Jahren lief am Sonntag nach dem Equal Pay Day die Talkshow von Günter Jauch zum Thema "Der ungerechte Lohn". Am darauffolgenden Montag schrieb ich folgende Mail:

Liebe Redaktion,
begleitend zu Ihrer gestrigen Sendung kam auf Twitter immer wieder die Frage auf, wie es denn in Ihrer Redaktion mit der gleichen Bezahlung von Frauen und Männern aussieht. Wir haben uns dazu bereit erklärt, diese Auskunft einzuholen:
Werden Frauen und Männer für gleichwertige Arbeit in Ihrer Redaktion gleich bezahlt? Gibt es Mechanismen, die Transparenz, Vergleichbarkeit und/oder gerechte Bezahlung sicherstellen?
Wir würden uns über eine aussagekräftige Antwort sehr freuen!
Mit freundlichen Grüßen,
Angelika Knop
Redaktion Watch-Salon

Zwei Wochen später teilte man mir mit, dass man "redaktionsintern sorgfältig" mit meiner Mail umgegangen sei:
Gleichzeitig bitten wir jedoch um Verständnis, dass wir uns zu redaktionsinternen vertraulichen Angelegenheiten nicht äußern.
Ich vergewisserte mich kurz, ob ich etwa aus Versehen nach der namentlichen Gehaltsliste der Redaktion gefragt hatte. Hatte ich nicht. Dann stellte ich mir vor, wie man "redaktionsintern sorgfältig" diesen Textbaustein eingegeben hatte. Außerdem amüsierte ich mich mit dem Gedanken, wie kurz die Sendung wohl gewesen wäre, wenn auch die geladenen Gäste aus der Wirtschaft sich hinter diese Aussage zurückgezogen hätten - oder wie viel eindringlicher und investigativer Herr Jauch dann wohl dagestanden oder vielmehr -gesessen hätte.

Kein Faktencheck im eigenen Haus


Es gibt wunderschöne Werkzeuge, um Lohnungleichheit in Unternehmen zu erforschen - empfohlen, begleitet und gefördert vom Bundesfrauenministerium als Modellprojekt der Antidiskriminierungsstelle. Die heißen „Lohngleichheit im Betrieb – Deutschland“ (Logib-D) oder „Entgeltsgleichheits-Check“ (eg-check) und sind frei verfügbar im Internet. Meines Wissens ist noch keine Redaktion auf die doch eigentlich naheliegende Idee gekommen, die mal im "Faktencheck" auf den eigenen Verlag oder Sender anzuwenden.

Genauso wenig hat man über die Flexi-Frauenquote in Medienbetrieben gelesen oder gehört, die sich rund 3.500 börsennotierte oder mitbestimmungspflichtige Unternehmen als Zielvorgabe setzen müssen. Dazu zählen natürlich auch einige Sender und Verlage. Die Axel Springer AG zum Beispiel hat die Zielgröße für ihren Vorstand pflichtgemäß in ihrem Geschäftsbericht veröffentlicht - einsehbar im Netz. Bis zum 30. Juni 2017 lautet die Quote: 0 % . Ergänzend steht da, der Aufsichtsrat sei "der Auffassung, dass der Vorstand gut besetzt ist." Eine Steigerung des Frauenanteils sei aber "nicht ausgeschlossen, sollte es zur Notwendigkeit einer Neubesetzung" kommen. Sprich: Wenn einer der Herren nicht mehr mag oder krank umfällt, darf es auch eine Frau sein. Das muss man also eigens betonen. Fehlende Frauen in Führungspositionen sind übrigens ein wesentlicher Faktor für den Gender Pay Gap - die Entgeltlücke von derzeit 21%, die zwischen Männern und Frauen klafft. Aber diesen Faktor "bereinigt" man gerne, rechnet ihn also heraus, denn der sei ja kein Zeichen für Lohndiskriminierung. Die Argumente: Frauen drückten sich oft vor der Verantwortung, wenn sie gefragt würden. Und wer nicht befördert sei, müsse eben auch weniger leisten - ergo: bekommt weniger Geld.

Frauen müssen kämpfen


Fragt sich nur, ob sie bei gleicher Verantwortung auch das gleiche Geld bekommen. Ich erinnere mich, wie ich quasi per Handschlag zur Redakteurin vom Dienst befördert wurde. Ich bekam aber weder die entsprechende Höhergruppierung im Tarifvertrag noch die Gehaltserhöhung wie meine überwiegend männlichen Kollegen. Mündliche Beschwerden nützten nichts. Es klappte erst, als ich per Brief und mit juristischem Vokabular darauf hinwies, dass ich schon sechs Monate ganz offiziell im Dienstplan so eingeteilt war. Ist zwar schon eine Weile her, war aber damals schon genau so falsch wie heute. Besonders groß ist die Lohnlücke aber in Betrieben ohne Tarifvertrag - und Tarifflucht scheint mittlerweile Volkssport bei Verlagen zu sein.

Obwohl Frauen an den Journalistenschulen, in den entsprechenden Studiengängen und Volontariaten heute meist in der Mehrheit sind, schätzt die Forschungsgruppe Medienwandel an der Paris-Lodron Universität Salzburg ihren Anteil in den Medien nur auf 37 bis 47 %. Denn sie verschwinden in den mittleren Lebensjahren aus der Branche - zum Beispiel, weil die immer noch zu oft wenig familienfreundlich ist. Aus dem Sozio-ökonomischen Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW kann man ersehen, dass Lohn oder Gehalt bei Frauen deutlich stagnieren, wenn sie nach der Geburt länger als die gesetzliche Elternzeit zuhause bleiben. Im ersten Jahr nach der Rückkehr verdienen sie dann 16% weniger als Frauen ohne Kinder, zehn Jahre später immer noch fünf Prozent. Auch das trägt zum Gender Pay Gap bei.

Nix Fragen, nix sagen


Wenn eine Journalistin wie Birte Meier das Gefühl hat, weniger Geld als ihre männlichen Kollegen zu bekommen, muss sie das erst einmal herausfinden und darlegen. Das übt zwar in investigativer Recherche, erfordert aber nahezu den Einbruch in die Personalabteilung. Denn die Kollegen sind gerne mal durch Verschwiegenheitsklauseln gebunden, über ihr Gehalt zu sprechen. Selbst diese hübschen Total-Buy-Out-Verträge über seine Nutzungsrechte, die man als Freie im Friss-oder-Stirb-Modus vorgesetzt bekommt, untersagen einem ja schon, überhaupt über den Inhalt zu reden. Was manche*r übrigens nicht weiß: In der Beratung bei der Gewerkschaft muss man sich um solche Klauseln nicht scheren. Das geplante Entgelttransparenzgesetz der Bundesregierung wird hier auch nur Abhilfe schaffen bei Betrieben ab 200 Mitarbeitern - darunter kann man nach wie vor keine Auskunft verlangen.

Apropos Freie - die Mehrheit von ihnen sind Frauen, laut Freien-Umfrage des Deutschen Journalistenverbandes 54%. Und nach der seltsamen Logik des Arbeitsrichters in Berlin ist es völlig ok, wenn diese weniger verdienen als die festangestellten männlichen Kollegen beim ZDF, auch wenn sie die gleich Arbeit tun. Ich erkläre in der Journalistenausbildung ja immer, dass Freie mehr Geld verlangen müssen, um eben fehlende Sicherheit, Urlaub und so fort auszugleichen. Das hat sich zugegebenermaßen auch noch nicht zu allen Auftraggebern herumgesprochen - aber die Mühe, das dort zu verbreiten, mache ich mir dann eben auch noch.

Billig, willig - frei?


Die Resolution des ersten ARD-Freienkongresses im April 2016 zeigt, dass es hier nicht nur zwischen Männern und Frauen keine Entgeltleichheit gibt:
Wir leisten die gleiche Arbeit, haben aber nicht die gleichen Rechte. Wir haben keine Arbeitsverträge, sondern nur einen „arbeitnehmerähnlichen“ Rechtsstatus. Wir müssen ständig um unser Einkommen fürchten. Sozialleistungen, die für Festangestellte selbstverständlich sind, werden uns vorenthalten. Und das, obwohl wir Tür an Tür mit ihnen arbeiten und oft im gleichen Dienstplan stehen. .. die Honorare sind oft nicht angemessen.
Das Berliner Arbeitsgericht hat außerdem argumentiert, Birte Meiers Kollegen mit höherem Gehalt hätten eben mehr Berufserfahrung. Das trifft zwar für einige Vergleichspersonen zu, aber das EU-Recht sieht klar vor, dass gleichwertige Arbeit gleich bezahlt werden soll. Ein wenig überspitzt: Nur wenn erfahrene Kollegen wirklich schneller oder besser arbeiten, darf das einen Unterschied bei der Bezahlung machen. Wie hoch geschätzt solche Berufserfahrung sonst ist, stellen ältere Journalist*innen dann ja gerne mal fest, wenn sie sich jenseits der 50 nach einem neuen Job umsehen (müssen) - und freundliche Absagen bekommen.  

Alles Verhandlungssache


Last but not least sagt der Richter: Männer verhandelten halt besser - das sei Kapitalismus. Mal abgesehen davon, dass das kein unterscheidendes Kriterium für die Arbeitsleistung ist, hat er teilweise Recht. Frauen verlangen oft weniger Geld - auch weil sie sich eher realistisch einschätzen, Männer sich eher überschätzen oder überverkaufen. Frauen bekommen aber auch weniger Gehalt angeboten. Und wenn sie mehr verlangen, gelten sie schnell als schwierig und bekommen den Job nicht, so hat es die BWL-Professorin Isabell Welpe an der TU München erforscht. Vor diese Alternative gestellt, könne es also "klug" sein, weniger zu verlangen. Das ZDF hält es auf jeden Fall für klug, sich von der preisgekrönten aber lästigen Reporterin zu trennen - und hatte ihr einen Vergleich mit Vertragsauflösung angeboten. 

Hartnäckigkeit schätzen Medienarbeitgeber offenbar bei ihren Journalist*innen nur, wenn es um Skandale bei anderen geht - in der Automobilindustrie, bei Geheimdiensten oder in Panama. Whistleblower*innen im eigenen Haus bekommen keinen Programmplatz. Und transparent sind höchstens die Glastüren zum Ausgang. 




Siehe zum Thema auch die Pressemitteilungen des Journalistinnenbundes.



Kommentare:

Dana Savic hat gesagt…

Sehr gut zusammengefasst. Du hast noch vergessen, dass es auch die schöne Konstruktion "feste-freie" gibt, mit Anspruch auf Urlaubsgeld, beim WDR, bei mindestens 72 Arbeitstage im Jahr. Die berühmten "Prognosetage". Beim ZDF ist es wieder anders geregelt: 1. Kreis, 2.Kreis, 3.Kreis. Allein die Sprache verrät wie mysteriös man mit den Beschäftigten umgeht. Das ZDF der Herr der Ringe.Birte Meier hatte den Tarifvertrag 2. Kreis. Laut ZDF sind da etwa 1100 freie Mitarbeiter*innen erfasst.Sie dürfen in Urlaub fahren und "genießen" Bestandsschutz. Die Freien im 3.Kreis? Niemand weiß wieviele es überhaupt sind. Komisch, nicht? Aus eigener WDR-Erfahrung:Damit die festen freien Mitarbeiter sich ja nicht auf Festanstellung einklagen können, konnten sie nicht einmal einen eigenen Raum in der Redaktion, für die sie überwiegend arbeiten, haben. Frau war sozusagen im Flur unterwegs oder verkroch sich in die Sichträume (beim Fernsehen). Birte Meier arbeitet wie ihre männlichen festen freien Kollegen (im 2.Kreis)40 Std. die Woche. Laut Anwalt deuten die "Indizien"(Belege) darauf, dass sie trotzdem mehr verdienen als sie. Warum wurden sie zur Beweisaufnahme nicht herangezogen?

Judith Rauch hat gesagt…

Großen Respekt für Birte Meier, dass sie diesen mühsamen und zum Teil auch demütigenden Kampf aufnimmt. Für uns alle. Und für eine Selbstverständlichkeit eigentlich - gerechte Bezahlung für gute Arbeit.

Eva Hehemann hat gesagt…

Schon vor Jahren haben die BücherFrauen eine Studie beauftragt und veröffentlicht, die die Arbeitsbedingungen in der Verlagsbranche untersuchte. Im Ergebnis war auch hier die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern erschreckend. Da die meisten der gut ausgebildeten Frauen keine Kinder hatten, konnten Baby-Pausen dafür nicht als Erklärung herangezogen werden. Schlimm: je älter, kompetenter und höher positioniert die Frau war, desto weniger verdiente sie im Vergleich mit männlichen Kollegen. In einer Branche mit 80 % weiblichen Beschäftigten sorgt offenbar zumindest teilweise deren Unterbezahlung für satte Gewinne.
Halbherzige politische Korrekturen der gesellschaftlichen Schieflage führen nicht zum Ziel! Es müssen endlich die richtigen Voraussetzungen für Geschlechtergerechtigkeit geschaffen werden: gleich lange Elternzeit für Mütter UND Väter, Abschaffung des Ehegatten-Splittings, zeitlich sowie qualitativ und quantitativ bessere Kinder-Betreuung vor allem auch für unter 3-Jährige, Verringerung der Arbeitszeit für Mütter UND Väter. Das Alles sind alte Vorschläge und in anderen Ländern bereits erfolgreiche Maßnahmen, zu denen die Politik sich hierzulande noch nicht hat aufraffen können. Transparenz bei Gehältern und Löhnen könnte und sollte ebenfalls endlich gesetzlich eingeführt werden. Es ist höchste Zeit!
Wir können es uns gar nicht mehr leisten, die strukturelle Benachteiligung von Frauen weiterhin zuzulassen. Zu viele kompetente und hoch motivierte Mitarbeiter gehen uns dadurch verloren. Und letztendlich immer aus ideologischen Gründen. Das muss ein Ende haben. Nicht weil das klassische Familien-Modell der Versorger-Ehe unbedingt unterdrückt werden soll – keine der oben aufgeführten Maßnahmen würde diesen Lebensentwurf verhindern, bestrafen oder in Frage stellen (das tut inzwischen allerdings das Scheidungsrecht) –, sondern um andere Familienmodelle zu ermöglichen und dem bisherigen "Ideal" endlich gleichzustellen.

Christane Krinner hat gesagt…

Der Bayrische Journalistenverband (BJV) hält seine Mitgliederversammlung am 18. März ab. Welch wunderbare Terminüberschneidung ;-) Wir Frauen von der Fachgruppe Chancengleichheit (BJFrau) werden diese Chance nutzen. Wir wollen aus "Equal Pay" und Entgelttransparenz Schwerpunktthemen machen - und wir wollen auch die männlichen Kollegen zur Solidarität mit Birte Meier verpflichten. Ich weiß schon, Anträge und Resolutionen hat es schon viele gegeben. Und doch sind sie immer wieder wichtig. Weil darüber diskutiert wird, weil wir so für Information und Aufklärung sorgen können - und weil unsere Forderungen so nicht in Vergessenheit geraten können. Im politischen Bereich, aber auch in den Verbänden und Unternehmen bleiben wir Frauen unbequem. Denn nach wie vor bin ich überzeugt, dass der stete Tropfen nicht nur Steine höhlt, sondern auch Berge versetzt. Langfristig gedacht....