Freitag, 4. November 2016

TV-Serien für die Feministin

Feministisches Fernsehen? Gibt es! Wir stellen sechs gute Serien vor / Bild: Netflix, Comedy Central, The CW Network

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Feminist*in öfters von der Welt genervt ist. Aber leider nicht nur von der realen Welt: In den Filmen und Fernsehserien, die sie früher, als sie jung war, so mochte, durchschaut sie nun die überflüssige sexistische und stereotype Färbung. Also sitzt sie abends seufzend auf dem Sofa, will sich nur noch ausruhen, eine gute Serie gucken und sich mal nicht über Subtext und Klischees ärgern müssen. Geht das bitte?!

Ja, das geht. Hier sind sechs aktuelle Serien, die diesen Wunsch erfüllen. Sehr subjektiv ausgewählt und extrem subjektiv bewertet. Ich zähle rückwärts, denn das Beste kommt bekanntlich zum Schluss.

#6. Unbreakable Kimmy Schmidt


Darum geht es: Kimmy Schmidt ist eine ebenso naive wie toughe junge Frau. So wird man eben, wenn man jahrelang von einem selbsternannten Guru in einem Apokalypse-Endzeit-Bunker gehalten wurde. Kimmy (gemeinsam mit drei Leidensgenossinnen) wird befreit und sie beschließt, sich ins Leben zu stürzen, natürlich in New York. Dafür braucht sie ein WG-Zimmer, eine Arbeit und ein bisschen Liebesleben wäre auch nicht schlecht. Ihr überbordender Optimismus trägt die Serie und die schillernden Nebencharaktere tun ihr Übriges dazu, um eine schräge Gute-Laune-Geschichte zu erzählen.


Darum gefällt es der Feministin: Kimmy Schmidt ist teilweise zu naiv, um Sexismus zu erkennen. Als ihr ein Bauarbeiter hinterherruft, löst ihre völlig unpassende Antwort einen eher unerwarteten Nebenhandlungsstrang aus. Ach ja, Kimmys Mitbewohner ist schwarz und schwul und beides wird genau so thematisiert, wie es auch im echten Leben wäre: Es ist relevant, um den Charakter zu verstehen, aber es ist nicht ursächlich für die Handlung. Na also, geht doch.

Urteil: Leichte aber gute Unterhaltung. Besser als "How I met your Mother" und "New Girl".

#5. Madam Secretary


Darum geht's: Politik, ganz große US-Außenpolitik, also Weltpolitik, weil "leaders of the USA" = "leaders of the free world" blabla. Egal, wir wollten hier ja nur Sexismus kritisieren. Also: Dr. Elizabeth Faulkner McCord (Téa Leoni) ist tough. Sehr tough. Auch liebenswürdig, aber vor allem tough. Sie ist Ex-CIA, kündigte dort (aus Gewissensgründen, hört-hört!), wurde Professorin für Politik. In der ersten Folge wird Elizabeth - kurz Beth - dann Außenministerin der USA ("Secretary of State"). Wir können fortan mit Genuss zuschauen, wie sie mit viel Geschick und Hartnäckigkeit internationale Krisen entschärft, Bürger- und Weltkriege verhindert, einem internen Komplott auf die Schliche kommt und immer wieder ihrem schmierigen Vorgesetzten die Stirn bietet.


Darum gefällt es der Feministin: Natürlich ist Politik auch in dieser Serie eine Männerwelt. Aber Beth hat die besten Antworten und pariert noch die dreistesten Angriffe mit einer umwerfenden Souveränität, von der wir Zuschauer*innen uns zu gerne eine Scheibe abschneiden möchten.

Urteil: Solides Politik-Drama für alle, die feministische Themen nicht allzu explizit serviert bekommen möchten.

#4. Jessica Jones


Darum geht es: Wir befinden uns im Marvel-Universum, es gibt also Menschen (und andere Wesen) mit Superkräften. Jessica Jones hat eine solche Superkraft: Sie ist übermenschlich stark. Zugleich ist sie so ziemlich das Gegenteil von Kimmy Schmidt; Jessica ist zutiefst zerbrochen. Sie hat eine traumatische Vorgeschichte, die im Verlauf der ersten Staffel stückweise aufgerollt wird. Die gesamte Serie ist dunkelschwarz-düster. Jessica arbeitet als Privatdetektivin und nutzt ihre Superkräfte, um beruflich und privat für ein bisschen mehr Gerechtigkeit in der Welt zu kämpfen. Und sich irgendwann auch ihrem Peiniger zu stellen.


Darum gefällt es der Feministin: Eine weilbliche Hautpdarstellerin, die alles andere als zweidimensional bleibt; und das in einem Action-Streifen. Danke, darauf haben wir jahrezehntelang gewartet! Als Dreingabe gibt es ebenfalls gut gezeichnete Nebenfiguren: Die herzensgute Stiefschwester und die machtbesessene Anwältin.

Urteil: Als Zuschauer*in sollte man bereit sein, sich auf das Marvel-Universum einzulassen. Und wer leichte Unterhaltung sucht, ist hier auch falsch. Aber Action und einer gebrochenen Heldin dabei zusehen, wie sie sich sehr langsam selbst aus dem Sumpf ihrer Vergangenheit befreit - das bekommt man hier in höchster Qualität.

Alternative: Wer das Marvel-Universum mag, es aber weniger düster will, der tauche ein in die 1940er-Jahre-Welt von "Agent Carter". ("I didn't know our government had such good taste in secretaries. What's your name, darling?" - Peggy Carter: "Agent.")

#3. Another Period


Darum geht es: "Period", das ist kurz für "period drama", zu deutsch: historischer Film. Aber wenn die Macherinnen von "Another Period" nicht die Doppeldeutigkeit des Wortes herausfordern, dann weiß ich auch nicht. Another Period spielt im Jahr 1902 und tut so, als wäre damals "Keeping Up with the Kardashians" gedreht worden. Das Ergebnis ist eine Pseudo-Reality-Trash-TV-Kommödie rund um die stinkreiche Familie Bellacourt, mit Fokus auf die Töchter des Hauses: Lillian und Beatrice. Diese werden gespielt von Natasha Leggero und  Riki Lindhome, die zugleich die Erschafferinnen der Serie sind und sich hier sichtlich austoben.


Darum gefällt es der Feministin: Natasha Leggero und  Riki Lindhome machen einfach gute Comedy. Wer aus Prinzip noch nie Reality-Trash-TV geschaut hat, ist bei dieser Persiflage genau richtig. Und von dieser Persiflage bleibt nichts verschont: Weder die frauenfeindliche Gesellschaft noch die Suffragetten.

Urteil: Die Idee ist genial, die Umsetzung witzig. Wunderbare, leichte Unterhaltung auf dem Sofa! Und nur für den Fall, dass noch immer jemand behauptet, Frauen könnten keine Comedy, können wir jetzt Leggero und Lindholme der Liste des Gegenbeweises hinzufügen.

#2. Sense8


Wer vor 1990 geboren ist, erinnert sich sicherlich an Matrix. Wer jünger ist: Das war eine Film-Trilogie, die mit unserer Vorstellung von Realität spielte und uns mit offenen Mündern in die Kinosessel drückte. Jedenfalls: Die Matrix-Filme verdanken wir den Wachowski-Geschwistern. Die hießen damals Larry und Andy Wachowski. Inzwischen heißen sie Lana und Lilli Wachowski und mehr möchte ich dazu nicht sagen, denn die beiden wollen ihr Privatleben möglichst privat halten; aber ihre wenigen öffentlichen Auftritte gibt's bei Youtube und die sind überwältigend. Lange Präambel, kommen wir zur Sache: Die Wachowskis haben jetzt eine Serie gemacht, die heißt Sense8 und spielt wie Matrix sehr tiefsinnig mit der Realität.

Darum geht es: Acht Menschen, quer verteilt über die Welt, bemerken plötzlich, dass etwas sie verbindet. Sie können miteinander thelepathisch in Kontakt treten und sogar kurz den Körper einer anderen Person aus diesem "Cluster" übernehmen. Das haben sich die Wachowskis natürlich wieder großartig ausgedacht, denn das ermöglicht herrliche Actionszenen, wenn die koreanische Krampfkünstlerin für den Mann in Nairobi einspringt, der sich gerade einer Gangsterbande stellen muss. Abgesehen davon aber geht es um Verständnis, tiefgreifendes Verständnis für eine ganz andere Person, das durch diese Verbindungen möglich wird. Eine der Acht ist übrigens eine Trans-Frau in einer lesbischen Beziehung und klar, das ist Teil des Plots, treibt aber nicht den Plot an; für die Gruppe wertvoll sind ihre Fähigkeiten als Hackerin. Nochmal: geht doch!


Darum gefällt es der Feministin: Starke weibliche Charaktere neben starken männlichen. Trans neben Cis, Homo neben Hetero. Leider US-lastig und überwiegend weiße Protagonist*innen (bisschen unrealistisch, hm? Naja, wir drücken ein Auge zu). Diese Acht finden zusammen, halten zusammen, müssen zusammen einem großen Bösen entkommen. Kooperation statt Geschlechterkampf, yeah baby! Und ein paar Liebesgeschichten obendrauf.

Urteil: Wow. Von dieser Sorte Fernsehen gibt es definitiv noch nicht genug.

#1. Crazy Ex-Girlfriend


Darum geht es: Rebecca Bunch ist Harvard- und Yale-Absolventin, in ihrem Job als aufstrebende Anwältin extrem kompetent und in Sachen Liebesleben eher das Gegenteil. Sehr spontan zieht sie ihrer Jugendliebe Josh von New York nach Californien hinterher, versucht aber ihren neuen Freunden und sich selbst einzureden, sie sei gar nicht wegen Josh dort. Das Ergebnis ist natürlich eine Komödie. Das Sahnehäubchen der Serie aber sind die beeindruckend gut gemachten Musical-Einlagen, deren Texte genial die Metaebene des Plots ansprechen und deren Melodien uns quer durch die Musikgenres führen.


Darum gefällt es der Feministin: Dass der Serientitel ein sexistischer Ausdruck ist, ist gleich der erste Gag der Show. Das Prädikat "feministisch wertvoll" erteile ich unter anderem aus zwei Gründen - Erstens: Rebecca ist vielleicht etwas inkompetent in Sachen Liebe, als Juristin aber ist sie unschlagbar. Dass sie das auch parallel zu ihren emotionalen Achterbahnfahrten bleibt, überrascht uns im ersten Moment und entlarvt im zweiten, wie einseitig unsere bisherige Seherfahrung offenbar war. Damit zu brechen - das tut die Serie immer wieder mit Genuss. Zweiter Grund: Der Sexy Getting Ready Song.

Urteil: Hier kann die Feministin entspannen und wird zugleich auf höchstem Niveau unterhalten. Die Serie hat großen Charme, zugleich schreckt der Humor nicht vor Tabus zurück und lässt uns ungläubig staunen, was da gerade wirklich im TV passiert ist. Die Musical-Nummern heben die Serie endgültig in den Kult-Himmel.

Und sonst noch...


Ich schaue US-Serien in Originalsprache, darum habe ich hier entsprechende Videos verlinkt und eingebaut. Um die Serien im Original zu schauen, braucht man meist entsprechende Abos (Netflix und Co). Die Worte TV und Fernsehen sind entsprechend nicht mehr ganz zutreffend - sie werden aber allgemein noch benutzt, um Serien von Kinofilmen abzugrenzen und so nutze auch ich sie.

Nicht hier aufgeführt sind unter anderem "Girls" und "Orange Is the New Black" - nicht, weil das schlechte Serien wären, sondern weil sie schon so bekannt sind, dass eine Vorstellung hier überflüssig ist. Eher unbekannt sind dagegen die acht feministischen Webserien, die das Missy-Magazin listet, und die drei Serien, die Kleinerdrei vorstellt.

Welche Serien habt ihr meiner Liste hinzuzufügen? Ich freue mich, wenn ihr das in den Kommentaren tut!

Kommentare:

Angelika Knop hat gesagt…

Zu meinen Lieblingen zählt eindeutig "The Good Wife" - mit den drei starken Frauen Alicia Florrick (Mutter und betrogene Ehefrau startet als Anwältin durch), Diane Lockhart (geschäftsführende Partnerin der Kanzlei Lockhart/Gardner) und Kalinda Sharma (toughe, bisexuelle Ermittlerin). Bei den Gastrollen ist die hyperaktive aber brilliante Anwältin Elsbeth Tascioni einfach wundervoll. In der gesamten Serie sind Frauen nicht nur zahlenmäßig gut repräsentiert, sondern sie treiben die Handlung genauso voran wie männliche Charaktere, bekommen die gleiche Zeit und Aufmerksamkeit, werden differenziert dargestellt in ihren guten und schlechten Seiten. Und dabei wird nicht unterschlagen, dass die Welt der Politik und Justiz in den USA nicht immer frauenfreundlich ist. Ganz nebenbei lernt frau noch eine Menge über das US-amerikanische Justizsystem.

Heidrun Wulf-Frick hat gesagt…

Danke für die Serientipps, das ist eine richtig klasse Idee und macht mir große Lust, endlich mal wieder in eine Flimmerkiste zu schauen :-)

Luise Loges hat gesagt…

Ganz tolle Liste!
Ich bin als feministisches Geek-Girl ebenfalls großer Sense8 Fan und freue mich schon auf Staffel 2 (auch wenn es mit dem Realismus nicht immer ganz hinhaut in der Serie - ohne Spoiler kann ich sagen, dass für alle, die Berlin kennen, ein paar unfreiwillig komische Momente in der von Tom Tykwer realisierten deutschen Storyline vorkommen werden. Aber das schadet kaum).

Zwei SciFi-Serien mit Feminismus-Appeal hätte ich noch zu bieten:
1) Orphan Black (über Netflix): Eines Tages beobachtet die Kleinkriminelle Sarah den Selbstmord einer Frau, die ihr selbst verblüffend ähnlich sieht. Ursprünglich mit dem Plan, deren Identität anzunehmen und abzusahnen geht sie der Sache nach - und entdeckt, dass sie das Ergebnis eines geheimen, weltweiten Klonprogrammes ist. Schlimmer noch: Irgendjemand macht Jagd auf die Klone und Sarah findet sich plötzlich in der Situation, sich selbst, ihre 6jährige Tochter und eine Handvoll neugewonnener "Schwestern" vor dieser Bedrohung zu retten.
Was der Feministin gefällt: Hauptdarstellerin Tatjana Maslany. Die Ausnahmeschauspielerin verkörpert im Laufe der inzwischen 4 Staffeln ein gutes Dutzend Klone - jeweils mit eigener Körpersprache und Persönlichkeit. Eine weitere Stärke ist die Repräsentation von LGBT-Charakteren und eine der schönsten lesbischen Liebesgeschichten im Fernsehen seit Willow + Tara (das werden die Jüngeren unter uns wohl auch nicht verstehen).

2) In Deutschland schwer zu bekommen, aber lohnenswert für alle Freund*innen von Zeitreisegeschichten und toughen Ladies: Die kanadische Serie Continuum. In einer dystopischen Zukunft, in der Konzerne die absolute Macht über den Planeten haben, wird die Polizistin Kiera Cameron durch einen Unfall vom Jahr 2077 ins Jahr 2012 versetzt - zusammen mit 6 Terrorist*innen, bei deren Hinrichtung die Anomalie entsteht. Letztere haben natürlich nichts Besseres vor, als die Zukunft in ihrem Sinne zu verändern - Kiera hingegen will genau das verhindern, um zu Mann und Kind in ihre eigene Zeit zurückzukehren.
Was der Feministin gefällt: Was anfangs wie leichte Cop-Show-Kost wirkt, beschäftigt sich mehr und mehr mit großen moralischen Fragen - wo ist der Unterschied zwischen Terrorist und Freiheitskämpfer? Wann heiligt der Zweck die Mittel? Die knallharte Zukunftspolizistin Kiera muss sich immer wieder zwischen ihrem persönlichen Glück, der moralisch richtigen Handlung oder der bestmöglichen Zukunft entscheiden. Superspannend!

Laura Hennemann hat gesagt…

Willow und Tara - jaaaaa! Buffy war tatsächlich mein Einstieg in die Serienwelt und ist für mich bis heute der Urtypus der feministischen Serie. Danke für deine beiden Ergänzungen, Luise!

Magdalena Köster hat gesagt…

Ich bin ja kein bisschen vom Serienfieber befallen (wann schaut Ihr das bloß?), aber heute lese ich bei @piqd.de, dass es bei Newsweek schon vor fast 50 Jahren zu einem Aufstand der Frauen kam. Das Thema in diesem Umfeld gefällt mir sehr.

Theresia Enzensberger schreibt über piqd.de:

Wer zehn Stunden erübrigen kann, sollte sich unbedingt "Good Girls Revolt" anschauen (yay, bingewatching!): Amazons neue Serie über die Frauen bei der fiktiven Zeitung "News of the Week", die Ende der 1960er Jahre die Schnauze voll haben und gegen ihre Chefs klagen, weil es ihnen nicht erlaubt ist, zu schreiben.

Die Klage gab es wirklich, allerdings bei "Newsweek", weswegen es interessant ist, eine Rezension der Serie dort zu lesen. Stav Ziv schreibt:

"Fifty years ago, a man would have written this piece. I might have done research or helped report it, but a man would have written the words. While his career advanced, I might have been told to go somewhere else if I wanted to write, because 'women don’t write at Newsweek.'"

Viel hat sich nicht geändert, fällt einem auf, wenn man die Serie anschaut – was sicherlich eine Intention der Macher war. Bemerkenswert ist, dass auch Ziv in ihrem Artikel durchaus darauf eingeht und auch "Newsweek" selbst in ihrer Kritik an den heutigen Zuständen nicht ausnimmt.

http://europe.newsweek.com/good-girls-revolt-legacy-newsweek-lawsuit-512224?rm=eu

Elke Koepping hat gesagt…

Diese tolle Serie möchte ich euch ans Herz legen, es geht um Frauen im investigativen Journalismus in New York, spielt um 1969/70, bildet also den Beginn der 2. Frauenbewegung ab. "Good Girls Revolt", Ende Oktober bei Amazon rausgekommen. ine befreundete amerikanische Künstlerin schrieb mir auf Facebook: "Forget Mad Man. This is the real thing. I've been there, I lived it." - Sie ist weit über 70 und hat in der Tat die Zeit in der New Yorker Agenturszene erlebt. Trailer