Montag, 24. Oktober 2016

"Für mich ist der Graben die Faktenresistenz" – Fünf Fragen an Anna-Mareike Krause

"Das dicke Fell kommt mit dem Job."Anna-Mareike Krause, Social Media-Koordinatorin. / Foto: NDR/Sker Freist

Seit zwei Jahren arbeitet Anna-Mareike Krause als Social Media-Koordinatorin der Tagesschau. Gemeinsam mit ihrem Team liest und bearbeitet sie täglich im Schnitt 12.000 Kommentare. Beim diesjährigen Zündfunk Netzkongress in München berichtete sie eindrücklich aus dem Tagesgeschäft mit dem digitalen Hass und von ihren Strategien gegen den Hass. Am Rande des Netzkongresses beantwortete uns die Hamburgerin fünf Fragen.

1. Mind the gap – unter diesem Motto fand der diesjährige Zündfunk Netzkongress statt. In deinem Vortrag hast du davon gesprochen, dass es darum geht, Hass-Kommentator*innen „auf unsere Seite des Grabens“ zu ziehen. Ist das nicht schon der Punkt? Dass wir in Kategorien wie „die und wir“ denken?

Anna-Mareike Krause: Für mich ist der Graben, mit dem ich es bei der Arbeit zu tun habe, die Faktenresistenz mancher Nutzer*innen. Oder einfach eine Linie: Auf der einen Seite interessieren sich die Menschen für Fakten, auch wenn sie ihre Meinung nicht unbedingt ändern. Auf der anderen Seite sind diejenigen, die sich dafür nicht interessieren oder Fakten, die ihre Behauptung widerlegen würden, als gefälscht negieren. Um es zu präzisieren: „Menschen auf unsere Seite des Grabens ziehen“ heißt nicht, dass sie eine bestimmte Position vertreten müssen. Sondern, dass wir sie nicht verlieren dürfen, für Fakten und Informationen ansprechbar zu bleiben. Da haben wir als Tagesschau einen klaren Bildungsauftrag. Der ist gesetzlich verankert: Es ist unser Auftrag, die Leute zu bilden und zu versuchen, sie dafür nicht zu verlieren.

2. Woran liegt es, dass „die“ im Netz so laut sind und „wir“ gefühlt so leise? 

Die Kommentarbereiche sind gewachsen. Das sind sehr laute Orte. Ich glaube, dass viele Menschen sie ganz schnell aufgegeben haben als Orte, an denen man sowieso nicht überzeugen kann. Und die, die es anders sehen, gehen eher woanders hin und schreiben auf ihren eigenen Blogs oder bei Twitter.

3. Wird man dort nicht so oft angegriffen?

Doch, auf Twitter wird man auch angegriffen. Aber das ist was anderes als in die Kommentarbereiche von großen Medienhäusern zu gehen. Es gibt Leute, die das machen, manche kommentieren seit Jahren bei uns. Es gibt ein paar User*innen, deren Namen lese ich, seit ich dafür zuständig bin. Ich habe einen Heidenrespekt vor deren Hartnäckigkeit. Deren Namen kenne ich, weil ich mich immer freue, wenn ich von ihnen lese. Das heißt nicht unbedingt, dass ich persönlich deren Meinung zustimme, aber ich schätze sehr, dass diese Menschen auf den Diskurs achten. Aber man braucht ein sehr dickes Fell dafür. Ich verstehe jeden Menschen, der sagt, er hat das nicht. Dennoch möchte ich alle Menschen motivieren, sich in die Kommentarbereiche, in denen ein Mindestmaß an Respekt herrscht, zu wagen und diese nicht den Hetzern zu überlassen.

4. Hast du ein dickes Fell?

Ich habe es mir angeeignet, das kommt mit dem Job. Aber auch nicht jeden Tag – natürlich nicht. Nach den Silvesterübergriffen in Köln und Hamburg, als wir tagelang mehr als 20.000 Kommentare täglich lasen, habe ich das nicht bei der Arbeit gelassen. Das geht einfach nicht immer. Aber ich lasse auch nicht bei der Arbeit, wenn ich Bilder aus Aleppo sehe. Gleichzeitig tauschen wir uns im Team sehr viel aus, niemand wird allein gelassen mit Entscheidungen. Und wir zeigen uns gegenseitig die positiven Kommentare und das Lob. Das Gute, was kommt, saugen wir als Team auf und machen es allen zugänglich. Eine Kollegin stellt regelmäßig PDFs mit Candystorms zusammen und verschickt sie an alle.

5. Gibt es Momente, in denen du deinen Job nicht mehr machen magst?

Nein, bisher nicht. Wenn man als Medienhaus in die sozialen Netzwerke geht, dann gehört der Dialog dazu. Und wenn man will, dass der Ort für den Dialog auch wirklich ein Dialog wird und nicht eine Müllhalde, dann muss man Arbeit reinstecken. Zur Arbeit in den sozialen Medien gehört die Interaktion. Und es gibt wirklich viele gute Gründe als Medienhaus in den sozialen Medien zu sein. Ganz vorab deshalb, weil wir als Tagesschau dort Menschen und eine Altersgruppe erreichen, die wir mit unseren anderen Programmen – auch mit tagesschau.de – nicht erreichen. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre das ein Mindestmaß an Respekt der User*innen. Und das war es dann auch. Ich will nicht vorgeben, wie die Leute diskutieren – bis auf die Bereiche, die menschenverachtend sind. Davon abgesehen ist das auch aus guten Gründen ein Ort, den die Nutzer*innen gestalten. Wir müssen dafür einen Rahmen schaffen. Dazu gehört, dass wir die systematischen Störer*innen ausschließen. Sonst haben die anderen auch keine Freiheit, etwas zu gestalten.

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