Mittwoch, 4. Februar 2015

Die Frau fürs Soziale. Allein unter Männern im Spiegel-Büro

Spiegel-Titelbild vom 13.6.1988 Foto: Stadlmayer


Die Jungs haben wieder mal das Rennen gemacht. Mit Klaus Brinkbäumer und Florian Harms als neuen Chefredakteuren ist die Führungsspitze des Spiegel immer noch frauenfrei - obwohl es mit Online-Vize-Chefin Barbara Hans eine qualifizierte Kandidatin  gegeben hätte. Diese Entscheidung ist frustrierend, aber nicht erstaunlich. Das Heft ist eben immer noch ein Männer-Magazin, obwohl dort inzwischen viele sehr gute Journalistinnen arbeiten. Es ist wirklich ärgerlich, dass sich seit 1987, als ich von der TAZ zum Spiegel kam, so wenig geändert hat. Auch damals gab es tolle Schreiberinnen wie Marie-Luise Scherer oder Ariane Barth, aber die Führungspositionen waren ausschließlich mit Männern besetzt. Im Bonner Büro arbeitete immer nur eine Redakteurin -  eine musste sich ja um die Themen Frauen, Familie, Soziales und Minderheiten kümmern. 

 Ab 1987 war ich dort die Frau fürs Soziale. Als ich gefragt worden war, ob ich zum Spiegel kommen wolle, hatte ich natürlich keine Sekunde gezögert. Dann kam der  Kulturschock. In der TAZ hatten die Redakteurinnen schon 1980 durch einen Streik die 50 Prozent Quote erkämpft und in der TAZ-Parlamentsredaktion arbeiteten mehr Frauen als Männer. Außerdem gab es keine Chefredaktion und keine Ressortleitungen. Die AutorInnen entschieden selbst, was und wie sie schreiben wollten. Ganz anders beim Spiegel: Überall Männer und dazu eine straffe Hierarchie. Ich kann mich an Montagskonferenzen in Hamburg erinnern, bei denen nicht eine einzige Frau zu Wort kam. Während ich bei der Taz für Innenpolitik zuständig gewesen war, landeten jetzt auf meinem Schreibtisch alle Themen, mit denen die Kollegen nichts anfangen konnten: Frauen, Kinder, Homosexualität, Minderheiten... Wenn einer der Chefs eine bestimmte Geschichte haben wollte, musste ich sie schreiben. Das kam aber selten vor, denn die Hierarchen interessierten sich nicht besonders für meine Themen. So konnte ich meine Artikel meistens selbst wählen, solange ich innerhalb des für mich abgesteckten Terrains blieb. 1988 druckte der Spiegel zum Beispiel mein flammendes Plädoyer für die Quote  - was allerdings keinerlei Auswirkung auf die Stellenbesetzung beim Blatt hatte.

Trotz der für mich ungewohnten Hierarchie und trotz meiner seltsamen Rolle habe ich sehr gerne im Bonner Spiegel-Büro gearbeitet. Die Redakteure haben sich mir gegenüber immer kollegial verhalten. Politiker haben sich dagegen öfter daneben benommen. Meine Nachfolgerin Ursula Kosser berichtete vor drei Jahren in ihrem Buch "Hammelsprünge" von der sexistischen Anmache, die damals üblich war. Natürlich habe ich solche Situationen auch erlebt. Vor allem die älteren Politiker verhielten sich gegenüber uns jüngeren Journalistinnen oft herablassend, rissen doppeldeutige Witze -  nach dem vierten Bier begannen dann die Grabschversuche.

Rita Süssmuth als Schulmädchen


Der Spiegel war damals nicht die einzige fast frauenfreie Redaktion in Bonn. Bei der „Süddeutschen“ oder der „Zeit“ gab es keine  Redakteurin im Bonner Büro. Andere Zeitungen leisteten sich eine Alibifrau, die wie ich für Familien- und Sozialpolitik zuständig war. In der Politik war es ähnlich: Im Kabinett von Bundeskanzler Kohl saßen 1986 nur zwei Ministerinnen, Rita Süssmuth und Dorothee Wilms. Rita Süssmuth hatte gerade Heiner Geißler als Ministerin für Jugend, Familie und Gesundheit abgelöst und bekam das neu geschaffene Aufgabengebiet „Frauen“ dazu. Beim Spiegel war ich für das Süssmuth-Ministerium zuständig und hatte einen guten Draht zu dieser patenten Frau. Das Verhältnis kühlte ab, als der Spiegel  1988 mit "Rita ratlos" titelte und  das Cover eine blöde Karikatur von Rita Süssmuth als Schulmädchen zeigte. Als Mitautorin der Titelgeschichte hätte ich das gerne verhindert, aber über das Cover entschied die Chefredaktion.

Ich habe beim Spiegel sehr viel  journalistisches Handwerk gelernt. Netterweise hatte mir meine Vorgängerin Cora Stephan zu Beginn in der Journalisten- und Politikerkneipe "Provinz" auf einem Bierdeckel aufgeschrieben, wie der perfekte 7-Blatt-Spiegel-Artikel aufgebaut sein sollte. Der Bierdeckel  lag lange auf meinem Schreibtisch. Nach vier Jahren hatte ich aber keine Lust mehr, die Frau fürs Soziale zu sein und ging zur TAZ zurück.

Manchmal denke ich darüber nach, wie mein Berufsleben ausgesehen hätte, wenn ich beim Spiegel geblieben wäre. Ob ich Chefredakteurin geworden wäre? Nein, ganz sicher nicht.

Kommentare:

Cora Stephan hat gesagt…

Liebe Tina,
Du schreibst mir aus der Seele. genauso ging es mir auch im Bonner Spiegelbüro - ich habe es noch weniger lange ausgehalten als Du. Und das lag nicht an den Bonner Kollegen, die ich (fast) liebenswert fand, sondern an genau dem, was du beschreibst: frau war für die weichen Themen zuständig und wurde gern von den Hamburgern "auf Linie" gebracht.
So sehr viel hat sich im Journalismus nicht geändert, wenn ich mir da die eine oder andere Redaktion anschaue. Frauenbewegt ist Mann nur da, wo es nicht wehtut - Konkurrenz auf seinem ureigenen Gebiet aber schätzt er gar nicht. Tja.

schnibben hat gesagt…

Der SPIEGEL hat jede Kritik verdient, daran sind wir gewöhnt, aber ein wenig Recherche könnte doch nicht schaden, bevor Sie so ein fundiertes Urteil abgeben, zum Beispiel ein Blick ins Impressum. Bis auf das Sportressort sitzt inzwischen in jeder Ressortleitung mindestens eine Kollegin, das haben Zeit, SZ, FAZ etc noch vor sich. Zu Ihrer Zeit waren es wohl Null, oder? Mal Lust auf eine Blattkritik, ist immer Montags. Schöne Grüße! Cordt Schnibben

Eva Hehemann hat gesagt…

Den SPIEGEL lese ich seit ich denken kann, meine Eltern hatten ihn abonniert und ich eben auch seitdem ich wieder in Deutschland lebe. Als jb-Mitglied achte ich darauf, wer die Artikel schreibt, ob Mann ob Frau ob gemischte Teams, bei welchen Themen wer. Ganz subjektiv gefühlt hat sich in den letzten paar Jahren doch etwas verändert. Sicher ist auch der Einsatz von proQuote an dieser Entwicklung nicht unschuldig. Ich finde, mehr weibliche Deutungshoheit tut dem Blatt gut, denn der Blick auf die Welt wird durch gemischte Teams einfach vollständiger, der journalistischen Qualität wird dadurch nochmals auf die Sprünge geholfen. Und was, wenn nicht Top-Qualität sorgt für gleichbleibende oder sogar steigende Leserzahlen? Allerdings würde es mich freuen, wenn an der Spitze endlich auch mal Frauen sichtbar würden! Man(n) könnte doch vielleicht ab und zu den Leitartikel abgeben?

Decius hat gesagt…

@schnibben: Generell nennt man sowas ja Gläserne Decke, wenn Frauen (oder auch Mitglieder von Minderheiten) bis zu einem gewissen Grad aufsteigen können, danach aber Sense ist. Wenigstens ist es schon Teil der Ressortleitung. In 20 Jahren dann endlich Chefredaktion?

Anonym hat gesagt…

Was stand denn auf dem Bierdeckel?

Anonym hat gesagt…

"Auch damals gab es tolle Schreiberinnen wie Marie-Luise Scherer oder Ariane Barth, aber die Führungspositionen waren ausschließlich mit Männern besetzt." - sie benennen hier in diesem einen satz einen wichtigen aspekt fuer interne redaktions-probleme. im letzten jahrtausend wurde meist der beste, kluegste schreiber zum ressortleiter auserkoren. mag damals auch noch einigermassen funktioniert haben, als es noch keinen kosten- bzw. prozess-optimierungsdruck in redaktionen gab und man "nur" papier zu bedrucken hatte.

heute muss derjenige ressortleiter werden, der am besten menschen fuehren kann, organisieren kann, budgetieren kann, verwalten kann, interne und externe interessen austarieren und kommunizieren kann, moderieren kann, etc. in der ressortleitung sind inzwischen management-faehigkeiten erfoderlich. und ich behaupte die "edelfedern" und "gute schreiber" haben diese nicht. zumindest habe ich noch keinen getroffen. eine ressortleitung ist nach diesen kriterien qualitativ zu besetzen und sonst nach nichts. oder kuerzer: autoren-talent und geschlecht sind keine geeigneten auswahlkriterien fuer eine fuehrungsposition.

Angelika Knop hat gesagt…

Wie wahr: RessortleiterInnen , überhaupt alle Chefs und Chefinnen sollten Menschen führen können. Gerade diese Fähigkeit zeichnet aber viele Frauen aus - zumindest nicht seltener als Männer. Warum bekommen sie den Posten dann nicht öfter?

Anonym hat gesagt…

@schnibben: Mit den Fingern auf andere zeigen, bedeutet nicht, selber Nachholbedarf zu haben. Beleidigtes Getue auch nicht. Wer also bestimmt - wenn nicht die eingefleischte Silberrückenfraktion in den Spiegel-Führungsetagen - wer welches Thema behandeln darf und wer die Deutungshoheit hat? Von den Karrierechancen abgesehen, die Frauen und Minderheiten bei Ihnen haben. Erklären Sie, warum gebildete Frauen und/oder Minderheiten Ihr Blatt überhaupt noch lesen sollten? Der Abonnentenschwund sollte doch eigentlich Warnung genug sein, oder?

Sigrid Berenberg hat gesagt…

Lieber Cord Schnibben, ja, Sie haben Recht es hat sich einiges geändert re. Frauen im Spiegel-Impressum. Aber, hej, der Spiegel will ein ganz besonderes Blatt sein und ist mit Selbstlob weiter so offensiv wie in höchsten Auflagenzeiten: Der Spiegel kann eine fehlende (stv.) CRin nicht mit Hinweis auf Ressortleitungen entschuldigen, überlassen Sie dieses Argument anderen Titeln.
Beste Grüße, Sigrid Berenberg