Montag, 5. Januar 2015

Stellenausschreibung: Suche feministische Fee

Position im höheren Dienst auf meiner Schulter zu besetzen.
Bild: rosarot, CC0

Engelchen und Teufelchen brauche ich nicht, ich schaffe auch schwere Entscheidungen ohne sie. Stattdessen hätte ich gerne jemand anderen auf meiner Schulter sitzen: eine altgediente Feministin. Als kleine Fee zum Beispiel. Und meinetwegen in lila.

Die brauche ich besonders an Weihnachten, wenn ich meine ganze Familie wiedersehe. In letzter Zeit gerate ich bei solchen Treffen nämlich regelmäßig in feministische Diskussionen. Natürlich bin ich komplett selbst schuld daran, ich mische mich ja sofort ein, wenn ich mit halbem Ohr "Quote" oder "gendergerechte Sprache" höre. Manchmal habe ich dann gute Argumente parat, manchmal aber fehlen sie mir komplett. Dann bräuchte ich eine persönliche Feminismus-Fee.

Die 25-Jährige


Da ist zum Beispiel meine 25-jährige Cousine. (Verwandtschaftsgrade und Berufe geändert). Vor einem Jahr hat sie ihr Studium abgeschlossen und arbeitet seither in einer Unternehmensberatung, aktuell ist sie bei einem deutschen Technologieunternehmen eingesetzt. Sie sagt, sie würde niemals Quotenfrau sein wollen. Dieser Stempel, den man dann im Betrieb hätte: furchtbar. "Überhaupt, schon heute diese Formulierung: "Schwerbehinderte und Frauen werden bevorzugt eingestellt" - Warum werden Frauen mit Schwerbehinderten gleichgestellt?!" entrüstet sie sich.

Daher bitte keine Quote. Sowieso erledige sich das Problem innerhalb einer Generation von selbst, für ihre Generation sei es ja selbstverständlich, dass Frauen und Männer die gleichen Chancen bekämen.

Ich antworte, dass man das vor zwanzig Jahren auch schon geglaubt hat. Dass man lange genug auf die Selbstverpflichtung der Betriebe gewartet hat. Dass es zig Studien gibt, dass Chefs lieber ihresgleichen einstellen, also Männer Männer bevorzugen.

Aus dem Kopf kann ich immerhin eine Studie zitieren, wonach Professoren auf fiktive E-Mails von männlichen Studenten sehr viel häufiger antworten als wenn der Name einer Studentin unter dem identischen Text steht. Die Studie passt nur so halb, ich wünschte, ich hätte diese gesamte Liste von Veröffentlichungen im Kopf gehabt, die den Doppelstandard wissenschaftlich belegen.

Meine Cousine lässt nicht locker: Eine Studie mit Mails an Professoren zeigt deren Voreingenommenheit? "Kein Wunder, das sind ja im Schnitt alte Männer!" sagt sie und hat recht. Sie setzt weiterhin auf die nächste Generation, mit der sich alles ändern werde.

Ich weiß es schon: Gleich werde ich mich so richtig in die Nesseln setzen. Denn so wie meine Cousine dachte ich selbst vor zehn Jahren. Und dann… wurde ich älter. Mir fällt auch mein Gespräch mit der Genderstudies-Forscherin Christina Scharff ein, das ich hier im Watch-Salon aufgeschrieben habe. Scharff sagte mir, es sei typisch, dass junge Frauen den Begriff Feminismus ablehnten. Die Ungleichbehandlung treffe sie ja erst dann mit voller Wucht, wenn Kinder kämen. Aus meinem eigenen Freundeskreis kann ich diese Beobachtung nur bestätigen.

Ich sage meiner Cousine also ganz vorsichtig, dass es sein könne, dass sich ihre Sichtweise in ein paar Jahren ändern würde. Wenn sie sieht, wie sich die Situation für ihre Freundinnen oder auch für sie selbst ändert, sobald aus einem Paar eine Familie wird. Da sind sie also, die Nesseln: Ich habe meine Cousine als naiv hingestellt. Ob sie je wieder mit mir diskutieren wird? Und was die Quote angeht: Ich bin natürlich überzeugt, dass ich recht habe! Aber ich kann sie offenbar nicht überzeugen.

Ich brauche eine einfühlsame Feminismus-Fee, die mir nicht nur super Argumente einflüstert, sondern mir auch sagt, wann ich bitte die Klappe zu halten habe.

Der 50-Jährige


Ich habe einen Onkel, so um die 50, den ich wirklich gern habe. Er ist als Geschäftsführer eines größeren Unternehmens sehr wohlhabend geworden und hat dann ein Startup für öko-soziales Silizium-Recycling gegründet. Trotz Geld ist er immer grundsympathisch geblieben. Er und seine Frau haben eine zehnjährige Tochter.

Er sagt: "Ein Kind gehört die ersten drei Jahre zur Mutter." Ich schlucke erstmal, denn ich habe begeistert die Textserie "Das Prinzip 50/50" gelesen. Aber naja, man kann das unterschiedlich sehen, ich lasse ihm seine Meinung.

Dann sagt er: "Die meisten Kinder kommen zur Welt, weil die Frau ein Kind will, nicht der Mann. Also muss auch die Frau die Nachteile in ihrer Karriere hinnehmen." Ich beginne zu stottern. Am Anfang seines Arguments steht eine Behauptung, die ich auf die Schnelle nicht mit einer gegenteiligen Statistik entkräften kann. Und tatsächlich fallen mir in meinem Bekanntenkreis gleich einige Beispiele ein, die leider für seine krude These sprechen. Ich weiß natürlich, dass Beobachtungen aus dem eigenen Umfeld keine Basis für irgendwelche Behauptungen sein können. Aber helfen tut mir dieser Gedanke trotzdem nicht gerade.

Derselbe Onkel sagt nun: "Frauen haben in der Schule und an der Uni die besseren Noten. Die jungen Männer müssen sich also doppelt anstrengen, um den begehrten Job zu ergattern und es zu etwas zu bringen! Und offenbar tun sie das, denn sie schaffen es ja in die Chefpositionen."

Meine Schnappatmung zwingt mich nach draußen an die frische Luft. Aber auch da schwirrt leider keine lila Fee durch die Weihnachtsbeleuchtung.

Der 60-Jährige


Dann ist da noch der Onkel x-ten Grades. Es geht wieder um die Quote und außerdem um gendergerechte Sprache. Der Onkel x-ten Grades ist knapp über 60 und arbeitet im Dekanat einer süddeutschen Uni. Vor vielen Jahren sollte die Prüfungsordnung umformuliert werden, statt "Studenten" sollte es fortan "Studenten und Studentinnen" oder "Studierende" heißen und so weiter. Die Aufgabe, das alles umzuschreiben, fiel ihm zu. Er wollte nicht. Weil er meinte, das Ergebnis würde ein Text, der für jeden Leser und jede Leserin eine unverschämte Zumutung sei. Und weil im Rahmen dieser Geschichte mein Onkel x-ten Grades ein perfektes Gedächtnis hat, zitiert er aus der neuen Prüfungsordnung: "Die oder der Vorsitzende und deren oder dessen Stellvertretung und drei weitere Mitglieder werden aus der Gruppe der Professorinnen und Professoren, zwei Mitglieder werden aus der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und zwei Mitglieder werden aus der Gruppe der Studierenden gewählt."

Mein Onkel x-ten Grades ließ sich damals dennoch überzeugen: Die Gleichstellungsbeauftragte der Uni erklärte ihm, dass Sprache unser Denken beeinflusst. Er erledigte die Aufgabe. Aber, sagt er jetzt: "Das hat doch gar nichts gebracht! Wir haben noch immer kaum Frauen in Führungspositionen und diskutieren noch immer über die Quote. Besteht auch nur der Hauch eines Nachweises dafür, dass die politisch korrekte Verwendung der grammatischen Geschlechter sich auf die politische und soziale Realität auswirkt? Ich halte diese Idee für völlig absurd. Und falls doch, bin ich für die sofortige Streichung der Begriffe "Krieg", "Armut" und "Hunger" aus unserem Wortschatz."

Ja. Nein. Krieg und Hunger lassen sich längst nicht so leicht aus der Welt schaffen, wie sich weibliche CEOs einstellen lassen, denke ich mir. Aber das Zitat aus der Prüfungsordnung ist tatsächlich eine Qual für meine Journalistinnenseele.

Da springt mir überraschend meine Cousine, die Quotengegnerin, bei und sagt, bei ihr habe es vom ersten Semester an "Studierende" geheißen, das sei alles nur eine Frage der Gewohnheit. Sie fand es anfangs auch seltsam, habe sich aber bald daran gewöhnt und benutze jetzt selber diese gegenderten Begriffe.

Puh, dieses Mal bin ich ohne Fee ausgekommen.

Für alle anderen Fälle brauche ich sie dennoch. Am liebsten schon bis Ostern, denn da steht das nächste Familientreffen an. Bewerbungsschreiben und Tipps, was ich in obigen Situationen hätte sagen können, werden jederzeit in den Kommentaren entgegengenommen.

4 Kommentare

  1. Oh ja, diese Situation kenne ich nur zu gut. Aber du hast dich prima geschlagen, Laura! Ich persönlich lasse mich nicht mehr auf Diskussionen über Frauenquote und Feminismus ein, wenn ich nicht wenigstens eine Mitstreiterin am Tisch habe. Sonst stehe ich am Ende als zickige Emanze da und erreiche oftmals das Gegenteil von dem, was ich wollte, Gruß Katrin

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  2. Ich kenne die ganzen Diskussionen:
    bei den jungen Frauen geht es bei den gleichen Argumenten auch um das WIE der Argumentation. ich begründe mit meiner Erfahrung (ich-Botschaft) dass die Perspektive und die Meinung von Frauen, die Kinder bekommen sich auf Job und mann verändert, die Konflikte verschärft wahrgenommen werden und das im humorvollen, selbstkritischen Ton. "Konnte ich mir auch nicht vorstellen vor x Jahren." Damit bezichtigt frau die andere noch nicht der Naivität, klappt gut in meiner Erfahrung

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  3. Mit der Selbstsicherheit der Jungen kann ich am besten leben. Bis dreißig zu glauben, alles läuft, sehe ich als Unterfutter für die schwierigen Jahre danach. Aber Dein 50jähriger! Drei Jahre zu Haus und das natürlich auch beim zweiten oder dritten Kind. Das sind dann schnell mal fünf oder auch zehn Jahre. Und dann - ist sie weg vom Fenster oder findet nichts ihrer Ausbildung entsprechend und könnte eine sehr unausgeglichene oder wütende oder traurige Lebensbegleiterin werden.

    Das mit den Frauen, die entscheiden, ob ein Kind kommt, stimmt ja wirklich weitgehend. Aber sind nicht viele Väter am Ende froh, dass sich eine getraut hat? Bei den vielen hasenfüßigen Männern kämen ja sonst gar keine Babies mehr.

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  4. Gut, dass Du Dir eine feministische Fee wünschst, denn meistens ist es doch "der kleine Mann im Ohr", der einem etwas einflüstert. Der hat wohl auch das Sagen bei Deiner Familie. Wenigstens werden sie offenbar nicht persönlich, was ja schon ermutigend ist. Ich musste mir noch Sachen anhören wie: Du denkst zu viel, Du kriegst nie einen Mann!
    Meine Strategie, und nicht nur bei meiner Familie, sondern überall, ist zuerst mal absolute Offenheit. Ich stehe dazu, dass ich für die Quote bin und nach dutzenden Diskussionen flutschen mir die Argumente locker von den Lippen. Übung macht die Meisterin.
    Des Weiteren sammle ich Horrorstories, die meine Forderung nach der Quote untermalen und die bestehende Diskriminierung von Frauen beweisen. Solche erlebten Geschichten kommen immer gut, denn sie sind schwer widerlegbar. Vielen Leuten fehlt ja nur der Blick über den Tellerrand, um eine Einsicht jenseits ihrer festgefahrenen Meinungen zu entwickeln. Solche Stories kann man sich auch leichter merken als Studientitel.
    Frauen gegenüber, die gegen die Quote sind, und meinen, alles wäre doch schon fast perfekt, fordere ich etwas Solidarität ab. Sie brauchen die Quote nicht? Sie wollen lieber drei Jahre Kinder hüten? Sie haben eh keinen Bock auf einen Vorstandsposten? Ihnen ist es egal, ob sie weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, es reicht auch so? Bitte! Ihre Sache. Aber andere Frauen arbeiten sich an der gläsernen Decke ab, wollen Karriere machen und sich die Familienarbeit mit ihrem Mann teilen, genauso viel verdienen wie ihre Kollegen und schrecken vor Führungsaufgaben nicht zurück – haben die etwa kein Recht darauf, selbst ihre Lebensziele zu bestimmen? Dürfen die etwa keine Ansprüche stellen?
    Chacune à sa gout! Und für meinen Geschmack braucht's die Quote.

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