Montag, 29. Oktober 2012

Kopfschuss für den Tatort


                                                                                                              Foto: privat

Am Sonntagabend ferngesehen: Geldgeiles Lesbenpaar zockt Tierfreunde ab und kaserniert hochverschuldete Heteros in einer Drückerkolonne – der ARD-Tatort griff tief, ganz tief in die Mottenkiste und holte Vorurteile hoch, die wir längst schon ausgemustert hatten:
  1. Mädchen, die im Erziehungsheim waren, werden lesbisch
  2. Lesben mit schwieriger Jugend werden kriminell
  3. Kriminelle Lesben sind brutal, eiskalt, manipulativ und zu allem fähig
  4. Bei einem Lesbenpaar ist eine dominant, die andere labil und eigentlich hetero
  5. Hat eine Lesbe Sex mit einem Mann, bringt ihre Freundin den Liebhaber um
  6. Fazit: Die pathologische Killerlesbe verdient den Tod als Befreiungsschlag ihrer hörigen Geliebten

Das erinnert an die Serie "Die Verbrechen der lesbischen Frauen". Die Bildzeitung hatte so Mitte der 70er Jahre die aufkommende Frauenbewegung denunziert und erstarkendes lesbisches Selbstbewusstsein in die Grenzen verwiesen.

Mit dem Tatort knüpft die ARD nahtlos daran an und verbreitet am Sonntagabend verqueres Weltwissen über lesbische Liebesbeziehungen. 8,73 Millionen Zuschauer wollten das sehen und verschafften der ARD einen Quotenhit von 23,7 Prozent. Katastrophal.

Übrigens: Die - immer noch - verzerrte Darstellung von Lesben in der Presse hat JB-Frau Elke Amberg in ihrem Buch "Schön!Stark!Frei!" aufgezeigt, erschienen im Ulrike Helmer Verlag.

Kommentare:

Silke Schneider-Flaig hat gesagt…

Schaue gerne Tatort, habe aber zur Zeit keinen TV-Empfang. Wenn das so unausgewogen recherchiert und klischeehaft aufbereitet war, dann bin ich froh, dass mir Zeit- und Nervenverschwendung erspart bieb.

Juliane Brumberg hat gesagt…

Verantwortung für Menschenbilder und Klischees, die dort produziert werden, scheint leider sogar bei der ARD bzw. dem BR ein Fremdwort zu sein. Die Empörung ist berechtigt und gehört in die Öffentlichkeit.

Karin hat gesagt…

Danke für die kurze Zusammenfassung. Wunderbar auf den Punkt gebracht. Mir ist es sofort aufgefallen und die Drehbücher sind so dermaßen schlecht, dass Täter zugleich pathologisiert werden müssen. Karrikaturen statt Menschen. Auch Maren Eggert und Nina Kunzendorf waren gut genug, auszusteigen. Die machen die Reihe wirklich inzwischen kaputt. Fehlen nur noch ohrenlose Hasen ... es ist empörend. Dass sollte dem BR mal geschrieben werden. Wer hat das Drehbuch verfasst?

Ekoepping hat gesagt…

Man kann den Tatort noch nach der Ausstrahlung online sehen, auf der Website der ARD. Ick sachet nur, falls sich eine nachträglich den Schmonz noch ansehen will.

Anonym hat gesagt…

Ich hab den Tatort nicht gesehen, nur was dadrüber gelesen und dachte auch: "Wer denkt sich den ernsthaft so nen Mist aus?"

Dann hab ich gelesen, dass diese Tatortgeschichte einen realen Hintergrund hat, in dem dieses Lesbenpaar wirklich vorkam. Wieviel von Drehbuchschreibern nun dazugedichtet wurde weiß ich leider nicht. Ich bin mir auch nicht sicher ob der wahre Hintergrund so einen Film jetzt "entschuldigt", aber ich dachte dass sollte mal erwähnt werden...
Prinzipiell treibt es mich auch in den Wahnsinn, dass Lesben (und auch Schwule) so gut wie nie als normale Personen, oder positive Rollen in Fernsehen usw. vorkommen.
(Bin selber lesbisch)

Anonym hat gesagt…

Alles was, in dem von mir kommentierten, Blog an Kritik der klischeehaften Story des ARD Tatort aufgeführt wird, könnte zu 100 % von mir stammen!

Genauso habe ich empfunden, als das dümmliche Filmchen vorbei war. Und das sagt nicht etwa eine Frau, sondern ein (schwuler) Mann.

Danke für die klaren Worte im Blog!

Gruß
Axel

Gudrun Fischer hat gesagt…

Gleich am Montag nach dem Tatort schickte ich eine Beschwerde an den ARD Programmdirektor Volker Herres (auch andere bekamen meine Beschwerde zugeschickt, u.a. der Rundfunkrat des BR). Eine Frau Petra Putz aus der Programmdirektion der ARD hat sich nun gemeldet. Mit Erläuterungen über die Bandbreite des Tatorts nach dem Motto "auch eine Lesbe muss einmal Mörderin sein können". Sie betont, wie frei Lesben und Schwule in Deutschland seien, mit Homoehe und einer im wahren Leben offen lesbischen Ermittlerin im Tatort.
Wer die Verteidigungsschrift geschickt haben will, kann sich gerne bei mir melden. Gudrun (gufischer@yahoo.de)

Anonym hat gesagt…

Klar ist das totaler Schwachsinn und auch ärgerlich. Aber es ist ein TV-Film in der ARD - das hat doch mit Realität überhaupt nichts zu tun. Auch die anderen Figuren des Films inklusive der Polizisten sind doch vor allem Klischees und grob gezeichnete, eindeutigen Kategorien zuordnenbaren scheinbare Prototypen.

Anonym hat gesagt…

Interessant, dass die beiden Frauen überhaupt von euch als lesbisch identifiziert werden.
Ich meine: die eine ist bisexuell, die andere einfach eine bziehungsunfähige Soziopathin, die auf Dominanzspielchen steht, welche sich kein Mann gefallen lassen würde.
Lesbisch wurde nie im Tatort benannt.
Aber die ARD und deren schlechte Drehbuchautoren meinen wahrscheinlich, das sowas lesbisch sei.

Als feministische Lesbe hat es mir die Magensäure hochgejagt, bei dem Tatort-Müll. Menschenbild, Wie in den 50ern.

Somesayray hat gesagt…

Wie hätte denn die "normale Durchschnittslesbe" dargestellt werden müssen? Leseben können weder eifersüchtig noch kalt noch brutal sein? Zeigt es nicht, dass der homosexuelle Lebensentwurf in unserer Gesellschaft angekommen und nicht mehr tabuisiert wird? Ihr seit auch einfach nicht einfach zufrieden zu stellen... Wäre es ein "konventionelles, weisses, durchschnittlich attraktives" hetero Paar gewesen, wäre dies sicher auch wieder ein Grund gewesen um sich echauffieren zu können. Wo kein Problem ist, muss eins gemacht werden....

C. Schulz hat gesagt…

also dass die killerin eine lesbe war, finde ich noch nicht homophob. schließlich sind sonst die mörder hetero. die darstellung der freundin war aber wirklich daneben. kaum einmal mit nem mann sex gehabt, schon umgedreht. erinnert mich doch stark daran, dass lesben einfach nur den richtigen finden muss, dann ist alles wieder gut. die männer kamen in dem tatort übrigens eher schwächlich rüber, ganz entgegen dem klischee vom harten kerl. das fand ich gut...

356 Tage hat gesagt…

Ich fürchte, die ohrenlosen Hasen stehen uns demnächst noch bevor! Blöder geht's immer.